Wenn Bernhard Aichner seinen Erfolg tatsächlich so gut geplant haben sollte, dann hat er ihn erstaunlich schlecht begriffen. Rastlos pirscht der Krimiautor die Treppen in der Wagnerschen Buchhandlung in Innsbruck hoch und runter, begrüßt etliche Besucher mit Handschlag und schüttelt dann den Kopf. "Die Tür ging auf, und da strömen hundert Leute rein", sagt der Tiroler mit großen Augen. Fast 200 Zuschauer sind gekommen, von elegant gekleidet bis zum Pärchen in Multifunktionsjacken, vom Schüler bis zum Rentner, einige finden keinen Stuhl. Ein gelungener Abend, aber keine Überraschung: Aichner ist ein Star, und das hier ein Heimspiel.

Seine Krimis Totenfrau und Totenhaus haben sich im deutschsprachigen Raum 170.000-mal verkauft, in Italien lesen sie La signora dei morti, in Großbritannien Woman of the Dead, in insgesamt zwölf Länder wurden die Rechte verkauft. Der US-Sender Lifetime dreht ab Frühjahr 2017 eine Fernsehserie nach dem Vorbild der Bücher. Im Jänner erscheint Totenrausch, das Finale der Trilogie, ein sicherer Bestseller. Da sitzt nun der Mann, dessen Bücher in den USA in dem selben Verlag wie jene des Weltstars Stephen King erscheinen, und wippt seinen Oberkörper nach vorn wie ein aufgeregtes Kind. "Es ist total schön, dass so viele von euch gekommen sind", sagt er zur Begrüßung artig.

Bernhard Aichner muss dem Traum eines Marketingstrategen entsprungen sein: breitschultrige Statur, stets freundlich lächelnd wie ein Vorabendserien-Kinderarzt, die modische Brille meist auf den leicht angegrauten kurzen Haaren geparkt. Ein charmanter Optimist, der sich manchmal anhört wie einer, der Sinnsprüche auf Kühlschrankmagneten vorliest. Und ein so kunstvoller Leichenstapler, dass die Leser dem 44-Jährigen atemlos durch die Krimis folgen. Ein perfektes Produkt, ein perfektes Image: Aichner ist so etwas wie die Helene Fischer unter den Bestsellerautoren.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Der Abend in Innsbruck ist die erste von vier Lesungen in sieben Tagen. Ihm ist das wichtig: zu den Lesern gehen, sich zeigen. Auch in New York, London und Oslo hatte er bereits Auftritte. Einige würden sagen, es gehöre zu seinem Masterplan, wie man ein Bestsellerautor wird. "Der kalkulierte Kassenschlager", schrieb profil über den Autor. Als hätte sich Aichner ein Rezept für den todsicheren Erfolg besorgt. "Das mit dem Masterplan ist natürlich ein Schmarrn", sagt er und lacht mit seinem schelmischen Konstantin-Wecker-Blick. "Dann könnte ja jeder einen Bestseller schreiben."

Der wahre Kern: Aichner wollte den Erfolg erzwingen, endlich zu der Handvoll Autoren in Österreich zählen, die vom Schreiben leben können. Also tat er, was jeder Start-up-Unternehmer auch tut: Marktlücken suchen, Kontakte knüpfen, finanzstarke Partner finden. Aichners unique selling point ist eine Frau namens Brünhilde Blum. Die mordlustige Heldin seiner Totenfrau-Trilogie ist Bestatterin, eine Rarität in der Krimiwelt, in der es vor skandinavischen Kommissaren nur so wimmelt. Eine Art Vorbild für Blum war dem Autor im wirklichen Leben über den Weg gelaufen: 2013 hat Aichner schon drei Bände rund um den Totengräber Max Broll geschrieben, Tiroler Krimis mit überschaubarem Erfolg. Trotzdem hat Aichner noch immer Angst vor dem Tod und allem, was dazugehört. "Das gehört sich für einen Krimiautor nicht." Also arbeitet er ein halbes Jahr lang als Praktikant bei Christine Pernlochner-Kügler (ZEIT Nr. 36/15), einer Bestatterin in Innsbruck.

"Er hat mir gesagt, er schreibt jetzt einen Bestseller", erinnert sich Pernlochner-Kügler. "Ich habe das mit einem ironischen Unterton verstanden, nicht als größenwahnsinnig." Es war weder das eine noch das andere. Aichners Stammhaus, der Innsbrucker Haymon-Verlag, konnte keinen internationalen Bestsellerautor aus ihm machen. Also schrieb er ein Exposé für die Totenfrau und verschickte es an Literaturagenten. Sie sollten einen Verlag in Deutschland finden, der ihn als Spitzentitel am Markt positioniert. Angeblich, behauptete profil, nahm er sogar einen Kredit über 50.000 Euro auf. Alles auf Erfolg. "Völliger Unsinn", sagt Aichner. Dieses Gerücht habe ein erfolgloser Kollege gestreut, "ein Weltklasseverlag wie Random House lässt sich nicht von den Autoren für seine Arbeit bezahlen".

Seine eigene Geschichte erzählt Aichner als Lektionen in Demut: ein einfacher Typ, der mit Fleiß und ein bisschen Glück seinen Traum verwirklicht. Dieser Traum beginnt in Sillian, einem 1500-Einwohner-Ort in Osttirol, die Eltern führen dort ein Möbelgeschäft. Der junge Aichner will hinaus in die Welt, Schauspieler werden oder Schriftsteller, er hasst die Schule und die Enge dieses Dorfes, das er schon mit 17 verlässt. In Innsbruck landet er in einem Fotolabor, erlernt das Handwerk und arbeitet unter anderem als Fotograf für Tageszeitungen. Bis heute lebt er mit Frau und Kindern in der Stadt. In seinen Broll-Krimis lässt er den Helden aus der Stadt wieder zurückkehren in das Dorf seiner Kindheit.