Häuser, in denen es spukt, Türen zufallen, obwohl keine Hand sie berührt hat, und Wiedergänger herumhuschen, sind Klassiker der Gruselkunst. Ein besonders grusliges Haus schuf 2001 der Chilene Alejandro Amenábar in dem Mystery-Thriller The Others. Das zunächst eher konventionelle Spukrepertoire erweist sich als Kulisse eines raffinierten Realitätslabyrinths: Die Gespenster sind in Wahrheit die Lebenden; die scheinbar lebenden Bewohner hingegen sind die Verstorbenen, die geisterhaften "Anderen". Nur – ist das die letzte Wahrheit? Könnte es nicht eine weitere Drehung geben, hinter der sich das Verhältnis von Realität und Spuk der Logik komplett entzieht?

Daniel Kehlmanns Könnerschaft, die Ratio mit derlei Rätseln herauszufordern, kennt man seit seiner Novelle Der fernste Ort aus dem Jahr 2001, die den Leser dauerhaft im Zweifel lässt, ob die Hauptfigur nun eigentlich aus Fleisch und Blut oder längst bei den Seligen ist. In einen ähnlichen Abgrund führt auch seine neueste Erzählung Du hättest gehen sollen. Sie spielt, ganz klassisch, in einem einsam gelegenen Haus. Es ist Vorweihnachtszeit. Ein Ehepaar mittleren Alters, sie Schauspielerin, er Drehbuchautor, gemeinsam Eltern einer vierjährigen Tochter, hat das geräumige Feriendomizil hoch oben im Gebirge angemietet, mutmaßlich in den Alpen. Ort und Land werden nicht genannt. Zum nächsten Dorf führt eine lange Serpentinenstraße ins Tal, der Handyempfang ist schlecht, die Stimmung gereizt. Der Drehbuchautor, zugleich der Ich-Erzähler, soll Teil zwei seiner höchst erfolgreichen Filmkomödie Allerbeste Freundinnen schreiben. Aber ihm fällt nichts ein, und was ihm einfällt und als Dialog oder Szenenskizze aus seinem Notizbuch in den Erzähltext einfließt, ist erkennbar Blödsinn. Das Paar streitet sich um Nichtigkeiten, das aber ständig.

Denn bevor der Spuk in Gang kommt und sich zum irrealen, klaustrophobischen Horrorkabinett ausbildet, skizziert Kehlmann das geradezu schmerzhaft realistische Terrain einer mittleren Ehekrise mittelinteressanter Mittelständler. Der gegen die Kehlmannsche Literatur bisweilen erhobene Vorwurf, sie sei zwar genial ausgetüftelt, aber genau deswegen auch irgendwie steril, geht ins Leere. Keine Frage: Man reibt sich am Ende der novellenhaften, knapp neunzig Seiten umfassenden Erzählung die Augen. Man fragt sich, wie dieser Autor es wieder hinbekommen hat, die Realität so aus den Angeln zu heben, dass Zeit und Raum im Ferienhaus eine geradezu kubistische Dimension annehmen und der Drehbuchautor zu seinem eigenen Doppelgänger wird. Nur erschöpft sich Du hättest gehen sollen eben nicht im Handwerk der Verrätselung, kränkelt nicht im Geringsten an anämischer Abstraktheit.

Das Unheimliche, wusste Kehlmann schon im Vorgängerstück Der fernste Ort, ist erst dann so richtig unheimlich, wenn es sich aus einer konkreten Milieudarstellung mit hohem Wiedererkennungswert entwickelt. Und ebendas ist der Fall. Es verschwinden plötzlich Bilder von den Wänden, die am Tag zuvor noch dort hingen. Aber der elende Streit des Paares, wer was im Alltag zu erledigen oder zu erledigen versäumt hat, wer für die miese Stimmung verantwortlich ist, wer von beiden sich schon beim ersten Kennenlernen dem anderen über- oder unterlegen fühlte, der verschwindet nicht.

Der Tüftelgrad dieser Prosa ist, wenn man ihn so nennen will, in der Tat enorm. Selten hat Kehlmann ein derart raffiniertes Realitätslabyrinth entworfen, selten den Leser so tief ins Dickicht des Zweifels geschickt. Vielleicht, fragt man sich zwischendurch, hat der Drehbuchautor schlichtweg einen Dachschaden, sieht sich deshalb nicht im spiegelnden Glas des Terrassenfensters und glaubt, das Haus nur verlassen zu können, wenn er sich rückwärts durch den Flur zur Tür bewegt. Vielleicht, auch hierfür gibt es Hinweise, gibt es den Ich-Erzähler gar nicht, und es handelt sich um einen von Geisterhand verfassten oder, noch paradoxer, um einen sich selbst verfassenden Text.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Aber der verwegenen Fantastik steht nicht nur eine glasklare, wohltuend gelassene und nie raunende Sprache zur Seite, sondern eben auch enorme Menschen- und Sozialkenntnis. Wie man Vierjährige vom Lustgewinn des Schlafengehens überzeugt, malt Daniel Kehlmann mit der gleichen erzählerischen Anteilnahme aus wie die rätselhaften Erscheinungen des Spuks. Und ebendeshalb glaubt man ihm beides: dass hier normale Leute auf normal nervende Weise eine knappe Woche Urlaub im Ferienhaus machen. Und dass sie The Others in einem alpinen Gruselhaus sind.

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt Verlag, Reinbek 2016; 96 S., 15,– €