Die Wahrscheinlichkeit, einen Bestseller zu landen, ist fast noch geringer, als von einem herabfallenden Flugzeugteil erschlagen zu werden. Von 90.000 neuen deutschsprachigen Verlagstiteln pro Jahr schaffen es 300 bis 500 in die Bestsellerlisten; das entspricht einer Chance von 0,3 bis 0,6 Prozent. Der Lottoschein für die Samstagsziehung erscheint deutlich anlagesicherer.

Dennoch schreiben ich und Abertausende meiner Berufs- und Nach-Feierabend-Kolleginnen unerschrocken an großer Gegenwartsliteratur bis zum So-schläft-das-Kind-durch-Ratgeber. Für 90 Prozent aller Autorinnen ist kein Auskommen mit dem literarischen Einkommen möglich, nicht mal jenen, die im Feuilletonteil dieser Zeitung wohlwollend besprochen werden. Die meisten Werke verschwinden nach zwölf Wochen vom "Neuheiten!"-Tisch diskret in den Lagern und verkaufen sich bis zur Verramschung 500- bis 5.000-mal. Dafür fließt ein Umsatz zwischen 250 und 7.000 Euro aufs Konto, pro verkauftem Print-Buch erhalten Autoren zwischen 5 Prozent (Taschenbuch) und 13 Prozent (Hardcover) vom Nettoladenpreis. In Geld übersetzt: 45 Cent bis 2,80 Euro pro Exemplar. Irgendein Witzbold ermittelte mal anhand der Künstlersozialkassen-Statistik den Stundenlohn von Buchautorinnen der "working class", und er kam auf sensationelle 42 Cent. Es können aber auch problemlos weniger sein.

Joanne K. Rowling setzt übrigens 1.500 Euro um. In jeder Stunde des Tages. Auch, wenn sie nicht arbeitet. Das kann man pervers oder großartig finden, letztlich beruht Rowlings Einkommen genauso wie das frugale Brot eines working writer auf dem wirtschaftlichen Prinzip der papiernen Buchbranche, das demokratisch, ungerecht und konkurrenzlos kundenorientiert zugleich ist. Es lautet: Bezahlt wird die Nutzung. Nicht die Leistung.

Wenn Sie 9,99 Euro für eine Nora Roberts im Taschenbuch oder 24,99 Euro für einen Clemens Setz im Hardcover auf den Ladentisch legen, dann bezahlen Sie nicht für die Arbeit des Autors. Nicht für die Qualität. Nicht für die Schreibzeit, die Recherche, die Therapiestunden bei dem auf frustrierte Autorenpsychen spezialisierten Seelenschrauber. Weder werden Verkaufspreise nach Relevanz noch nach ästhetischem Gehalt kalkuliert. Von wem auch? Wie teuer sollte eine Herta Müller sein – hundert Euro? Tausend? Das wäre so manchem Elternpaar auch ein Durchschlaf-Ratgeber wert. Oder der literarische Unfall Fifty Shades of Grey: Sollte ein Fünf-Euro-Schein als Schmerzensgeld am Umschlag des Peitschenmärchens kleben?

Nein. Sie bezahlen immer nur für die Nutzung eines Buches. Ob Sie das Werk lesen, verschenken, einem wackeligen Tisch unters Bein stellen, ist Ihnen überlassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Dieses Prinzip ist demokratisch, weil es allen Autorinnen, ungeachtet ihres Stils oder Themas, eine (0,6-prozentige) Chance auf einen Riesen-Hit lässt. Ungerecht, weil es dabei nicht auf Arbeitszeit oder Stil ankommt. Kundenorientiert, weil Leserinnen weder das wirtschaftliche Risiko des Verlages noch die Selbstausbeutung der Autorinnen finanzieren, sondern von einer gigantischen Mischkalkulation profitieren, die eine große Vielfalt der Angebote garantiert. Der papierne Buchmarkt ist umgekehrtes Crowdfunding: Viele kleine, aber sichere Beträge helfen, die Investition rentabel zu machen. Bestseller finanzieren Debüts, Nischenwerke und Flops eines ganzen Verlages – und die Auszubildende im Buchladen an der Ecke dazu. Auf verschlungenen Pfaden hat auch Peitschenprinz Grey bei der Verlagsgruppe Random House dafür gesorgt, dass ein eher für Connaisseure interessantes Juwel wie Brosamen für den blauen Vogel erscheinen konnte.

Online werden mehr Bücher gelesen, aber es wird weniger dafür gezahlt

Wir Autorinnen wissen, dass dieses System gerecht und ungerecht zugleich ist. Jeder Kunstschaffende begibt sich auf einen unberechenbaren Weg, in dem Glück, Timing, richtige Partner und sehr viel Resilienz gefragt sind. Doch stets können Autorinnen sicher sein, dass sie jede Werknutzung nachvollziehen können und für sie entlohnt werden. Das ist der Deal: Bin ich so wahnsinnig und setze mich wirtschaftlichen und emotionalen Risiken aus, beteiligt sich der Kunde daran mit einem Kleinstbetrag.