Etwas scheint gewaltig schiefzulaufen in Europa. Seit fast zehn Jahren stolpern wir von einer Krise in die nächste, mit unseren Banken, unserer Währung, mit unserem Nachbarn Russland, mit Hunderttausenden Migranten, die unsere Grenzen passieren. Und nun der Brexit. Mit dem Ausscheiden Großbritanniens spürt die Europäische Union ihre historische Verletzbarkeit. Angesichts all dieser Notfälle stellen sich zwei grundsätzliche Fragen in zugespitzter Form: Ist die Union überhaupt dafür gerüstet, auf große Erschütterungen zu reagieren? Und wer hat in Zeiten der Unsicherheit in Europa die Führung inne? Schärfer formuliert: Wie soll man mit Brüsseler Vorschriften und der neuen deutschen Macht umgehen?

Zunächst: Wer genau hinsieht, erkennt, wie sich die Union vor unser aller Augen verändert. Nachdem sie sich jahrzehntelang dem Errichten eines gemeinsamen Marktes und der Fortentwicklung eines ingeniösen Systems der technokratischen Regelpolitik gewidmet haben, machen die europäischen Staaten nun etwas Neues: Sie betreiben Ereignispolitik. Sie retten eine Währung, befassen sich mit Flüchtlingen, lassen sich auf ein Kräftemessen mit Russland ein und müssen die durch den Brexit herbeigerufenen Geister wieder einfangen.

Für die Europäische Union geht es nicht länger allein darum, das Verhalten von Unternehmen auf einem gemeinsamen Markt zu regulieren, vielmehr müssen die Mitgliedstaaten nun gemeinsam Störungen der Ordnung begegnen. Und zwar schnell. Dabei sind die Regierungschefs – der Europäische Rat – zwangsläufig in einer besseren Position als die Kommission. Denn allein die Staaten können in der heutigen Lage aktiv werden, wenn es zum Beispiel gilt, die äußere und innere Sicherheit zu gewährleisten, da nur sie über Armeen, Diplomaten und Sicherheitsdienste verfügen. Die neue Praxis der Union stört Routinen und bringt die Brüsseler Orthodoxie in Bedrängnis. Zudem treten – lange ein Tabu – die Machtunterschiede zwischen den Ländern deutlicher ans Licht, wenn es darum geht, wer die Verantwortung für das Handeln tragen kann.

Und dennoch gibt es praktisch keine Alternative. Angesichts der welthistorischen Beschleunigung, die wir seit 2008 erleben, ist die Entwicklung eines gemeinsamen Handlungsvermögens, wie schwierig der Weg dorthin auch sein mag, für die europäischen Länder eine Frage des Überlebens.

Die Idee der Gründerstaaten, Europa in einem System von Regeln zu verankern, das die zwischenstaatlichen Beziehungen zivilisieren und vorhersehbarer machen würde, war angesichts zweier Weltkriege visionär. Doch die neuen Herausforderungen bringen die Grenzen dieser Strategie ans Licht. Was soll man tun, wenn plötzlich ein Mitgliedstaat pleitegeht, wenn ein benachbarter Staat einen anderen überfällt, wenn Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa drängen? Kein Vertrag kann die Kreativität der Geschichte antizipieren, geschweige denn eine adäquate Antwort bereithalten.

Eigentlich sollte uns all das nicht überraschen. Wir kennen die nationale Politik als einen unablässigen Strom von Überraschungen, Rückschlägen und Skandalen, oft mit Ergebnissen, die so niemand erwartet hat. Allen ist klar, dass in einem demokratischen System viel weniger nach Plan läuft, als man denken oder hoffen mag. Europa, ein Club unberechenbarer Demokratien, ist da keine Ausnahme. Momentum entsteht eine unvorhersehbare Serie von Entscheidungen, welche oft von nationalen Politikern getroffen werden, die mit Ereignissen zu Hause oder im Ausland nicht zurande kommen und dann – oft genug mit offensichtlichem Widerwillen – einsehen müssen, dass sie die entsprechenden Probleme nur gemeinsam bewältigen können. Dieses politische Wechselspiel stellt eine plausiblere Erklärung für die Entwicklungen der europäischen Politik dar als die Pseudologik der Integrationstheorie oder die euroskeptische Weltsicht, die überall Verschwörungen wittert und fürchtet, Brüssel wolle eine Art Fremdherrschaft errichten. Die Ereignisse werden auch weiterhin für Überraschungen sorgen. Und Europa bereitet sich darauf vor – auch wenn es sich dessen noch nicht so recht bewusst ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Ein Indiz dafür ist der Einfluss, den die Staats- und Regierungschefs mittels ihres Europäischen Rats ausüben. Dieses Forum, 1974 als Gegengewicht zur Brüsseler Regelfabrik errichtet, steht bei der Ereignispolitik an vorderster Front. In der Euro-Krise verfügten die zentralen Institutionen der Union nicht über die notwendigen finanziellen Mittel und schon gar nicht über die Legitimation, um die Regeln zu ändern, die ihrer eigenen Existenz zugrunde liegen. Zwischen 2010 und 2012 waren es Kanzlerin Merkel, Präsident Sarkozy und ihre (damals) fünfundzwanzig Kolleginnen und Kollegen, die Entscheidungen trafen, um den Euro zu retten. Nur sie konnten vorübergehend außerhalb des bestehenden Regelwerks und dabei doch als Union handeln. Trotzdem haben einflussreiche europäische Stimmen wie der frühere Kommissionspräsident Jacques Delors und Jürgen Habermas die Rolle der nationalen Regierungschefs bei der Krisenbewältigung als "Renationalisierung der europäischen Politik" kritisiert. Man kann die Ereignisse allerdings auch anders und eben nicht als Ausdruck einer Regression interpretieren: Vielleicht erleben wir vielmehr eine "Europäisierung der nationalen Politik", eine Entwicklung, die den Club der Mitgliedstaaten insgesamt eher stärkt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Metamorphose: Während die alte Regelpolitik relativ still von Experten und Interessenvertretern betrieben wurde, steht die neue Ereignispolitik im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Europa taugt heute für Schlagzeilen auf den Titelseiten, als Thema von Wahlkämpfen und leidenschaftlichen Debatten. Dieser öffentliche Widerspruch ist die andere Seite ein und derselben Medaille – der Ereignispolitik.