Der Wille, aus der Kohlenstoffwirtschaft auszusteigen, wurde im vergangenen Jahr auf der Klimakonferenz in Paris festgehalten. Der Entwurf zum "Klimaschutzplan 2050", den die Bundesregierung vorgelegt hat, ist aber ein Schritt zurück und gefährdet den bisherigen Erfolg der Energiewende. Zwar soll nach dem Plan Energie in Deutschland spätestens bis 2050 nahezu CO₂-neutral erzeugt und Strom nur noch aus erneuerbarer Energie und E-Autos bezogen werden. Zur Frage, wie dies erreicht werden soll, schweigt der Plan aber ebenso wie dazu, wie Investoren für das Jahrhundertprojekt der Energie- und Verkehrswende gewonnen werden können.

Die große Koalition verkennt einen globalen Megatrend: Der zentrale Akteur der neuen Klimabewegung ist die Wirtschaft. Anleger ziehen ihr Kapital aus Öl- und Kohleunternehmen ab. Diese "Divestment"-Bewegung richtet sich nicht gegen den Kapitalismus, sondern nutzt dessen Instrumente, um die Klimakatastrophe zu verhindern. Zu den prominenten Teilnehmern der Bewegung gehören die Rockefeller-Familie und die Allianz. Das Gesamtvermögen der Investoren, die sich verpflichtet haben, ihre Investitionen aus fossilen Energien abzuziehen, beläuft sich derzeit insgesamt auf 3,4 Billionen US-Dollar – Tendenz stark steigend. Diese neue grüne Bewegung der Anleger kann die Energiewende zu einem weltweiten Erfolgsprojekt machen, wenn die Politik jetzt die richtigen Weichenstellungen vornimmt. Norwegen zum Beispiel hat im vergangenen Jahr beschlossen, mit seinem milliardenschweren Staatsfonds nicht mehr in Kohlegeschäfte zu investieren.

Weltweit sind es bereits 64 Städte, deren Geld den fossilen Sektor verlässt. Münster und Berlin sind die ersten Städte in Deutschland, die sich der Divestment-Bewegung anschließen und ihre Investitionen aus der Kohle-, Gas- und Ölindustrie abziehen. Beide Städte wollen im Jahr 2050 klimaneutral sein. Für ein grünes Wirtschaftswunder in Deutschland braucht es aber mehr als zwei Städte. Ohne mehr Investitionen und einen Stopp klimaschädlicher Subventionen wird das Ziel der Klimaneutralität nicht zu erreichen sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Der Kohleausstieg lässt aus Furcht vor einem Verlust von Arbeitsplätzen auf sich warten. Eine Dekarbonisierung der Wirtschaft würde jedoch nicht zu einer Deindustrialisierung führen – im Gegenteil: Es würden die Grundlagen für ein grünes Wirtschaftswunder geschaffen. Schweden zum Beispiel war im vergangenen Jahr – mit einer CO₂-Steuer von 130 Euro pro Tonne – auf Rang sechs unter den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften. An vielen Orten ist Strom aus erneuerbarer Energie bereits heute günstiger als die Verwendung fossiler Brennstoffe. In Deutschland kostet Strom aus einem konventionellen Kraftwerksneubau (Gas, Kohle, Atom) acht bis zehn Cent je Kilowattstunde. Im Vergleich dazu sind Fotovoltaik und Windkraft mit jeweils acht Cent bereits voll wettbewerbsfähig. International sind die Preise zum Teil erheblich niedriger. Der Rekord liegt in Dubai bei drei US-Cent pro Kilowattstunde für Solarstrom, womit Öl erst wieder bei Preisen unter fünf Dollar pro Barrel konkurrieren kann. Und die Preise für Strom aus erneuerbaren Energien fallen weiter.

Die Energie- und Verkehrswende rechnet sich auch für die Verbraucher. Elektrofahrzeuge benötigen nur ein Drittel der Energie von Verbrennungsmotoren. Ein Elektroauto wie zum Beispiel ein Nissan Leaf kostet heute nur noch 20.000 Euro und kann pro Jahr bis zu 2000 Euro an Einnahmen generieren, wenn man es der Batterie nur erlauben würde, auch ins Netz einzuspeisen. Deutschland wird keine billigeren Elektroautos als China bauen können, aber vielleicht intelligentere, deren Batterien Strom ins Netz liefern und gleichsam kostenlos jene Stabilität erzeugen, die den Erneuerbaren ohne Batterien fehlt. Wir sind den Chinesen auf den Gebieten der Regulierung und Rechtsstaatlichkeit voraus, das ist eine gute Ausgangsposition.

Die Zahl der registrierten Elektroautos in Holland, Norwegen und China ist heute um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Die hiesige Automobilindustrie verfügt noch immer über kein wettbewerbsfähiges, hundertprozentiges Elektroauto. Deshalb subventioniert die Bundesregierung Hybridfahrzeuge, was aber nicht nur den Klimawandel beschleunigt, sondern etwa so intelligent ist, wie Kraftfahrzeuge mit Pferdegespannen zu fördern – auf Kosten der Steuerzahler, unserer Gesundheit und der Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Wenn die 40 Millionen zugelassenen Autos durch Elektrofahrzeuge ersetzt würden, könnten 60 Milliarden Euro an Kraftstoffimporten pro Jahr eingespart werden, ohne dass ein neues Kraftwerk gebaut werden müsste. Um das zu erreichen, brauchen wir eine CO₂-Besteuerung und eine "Abwrackprämie" für den Verbrennungsmotor.

Für die deutsche Wirtschaft ist die Energie- und Verkehrswende ein Konversionsprogramm, das niedrigere Strom- und Transportkosten, sichere Arbeitsplätze und Exportpotenzial bietet. Nachdem deutsche Bürger und Unternehmer jahrelang über das EEG für Subventionen aufkommen mussten, rechnen sich erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge heute.

Deshalb muss jetzt, da der technische Durchbruch der Erneuerbaren und der Elektrofahrzeuge stattgefunden hat, Deutschland seine Position als Weltmarktführer verteidigen und bei der Verkehrswende den Vorwärtsgang einschalten.