Jahrzehntelang heißt es: Wir brauchen mehr Geld für Bildung! Dann will der Bund ein paar Milliarden Euro mehr ausgeben – und Lehrer lehnen das ab. Klingt komisch? Ist aber so passiert. Als Bildungsministerin Johanna Wanka ankündigte, dass bald fünf Milliarden Euro an die Schulen fließen werden, damit die ein gutes WLAN und ordentliche Computer bekommen, sagten Lehrerverbände: Man möge mit dem Geld lieber Schulklos und Klassenzimmer sanieren. Das ist so, als ließe man den Musikunterricht ausfallen, weil das Wasser zum Gießen des Spitzahorns im Schulgarten fehlt.

Hinter der Kritik an den Milliarden steckt eine merkwürdige digitale Bildungsangst, die sich an vielen Schulen breitmacht. Diese Bildungsangst hat vier Ursachen:

Erstens gibt es einen digitalen Graben zwischen den Lehrern – jenen, die virtuos neue Lerntechnologien einsetzen, und denen, die nur Urlaubsfotos per Handy versenden können. Dass das manche verunsichert, ist zunächst normal.

Zweitens ist ein diskursiver Graben aufgerissen: Die Worte in der Digitaldebatte werden immer größer. "Disruption!", rufen die Digitalfans, "Entmündigung!" die Kritiker, und alle ein bisschen zu laut.

Drittens: Schnelles WLAN ist super; Investitionen in Technik lösen jedoch die Verunsicherung nicht auf, die die Schulen erfasst hat. Wie sollen sie Schüler zur Aneignung einer Welt erziehen, in der intelligente Roboter nicht nur Bandarbeiter überflüssig machen, sondern auch Anwälte, Ärzte, Analysten? Dieser schmerzhaften Frage müssen sich die Schulen ehrlich stellen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Und viertens weiß kaum jemand, was richtig ist: Ist bald jeder, der nicht programmieren kann, ein Analphabet? Soll man die humanistische Bildung bewahren, damit etwas bleibt, wie es ist, weil die Weltbeschleunigung sonst alles ändert?

So viel wie derzeit hat sich selten in den Schulen verändert. Ab Frühling lernen alle Drittklässler im Saarland mit einem Minicomputer das Programmieren. Was das bringt? Spaß und Weitblick. Vielleicht können sich die Digitalverweigerer etwas aus dem Silicon Valley abgucken. Ein Geschäftsprinzip dort heißt agile management. Das wäre ein gutes Mittel gegen die digitale Bildungsangst: einfach mal neugierig sein und ausprobieren.

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