Alles Liebe

Hier und jetzt für immer "Ja" sagen. Dieser Freitagnachmittag wäre doch perfekt! Die Mütter würden in den Bankreihen sitzen und vor Rührung ins Taschentuch schluchzen, die Väter ihnen unbeholfen auf die Schultern klopfen – während man selbst, umringt von nussbraunen Holzwänden und im Licht der letzten Herbstsonnenstrahlen, seine Liebe besiegelt.

Kein Wunder, dass man in diesem Raum vom Heiraten träumt. Denn hier, im ehemaligen Sitzungssaal der Ratsherren von Bethnal Green, lassen sich regelmäßig Paare aus der Nachbarschaft trauen. Viele machen es wie ihre Eltern und Großeltern, die sich ebenfalls in dem prunkvollen Bau das Jawort gaben, wenngleich in einer bescheideneren Amtsstube. 1910 wurde das Gebäude aus hellem Portland-Stein als Rathaus von Bethnal Green eingeweiht, als neues Herzstück des kleinen Arbeiterstadtteils im Londoner East End. Selbst zwei Weltkriege konnten den Koloss nicht erschüttern – während große Teile der Umgebung sich in eine Ruinenlandschaft aus Wellblech und ausgebombten Häusern verwandelten.

Und jetzt? Steht man hier und schwelgt so vor sich hin. Seit 2010 ist das einstige Rathaus ein Hotel namens Town Hall. Ein Hotel, das die Vergangenheit des Gebäudes hochleben lässt und immer noch in der Nachbarschaft verwurzelt ist. Das spürt oder besser: sieht man fast überall. Etwa in den langen Fluren, wo Künstler aus Bethnal Green in Bild und Schrift vom Leben im Stadtteil erzählen. Wie das Kollektiv walkwalkwalk, das kleine silberne Gedenktafeln mit Alltagsbeobachtungen an den dunklen Holz- und Marmorwänden angebracht hat. Eine Anekdote erzählt von den merkwürdigen Dingen, die die Künstler regelmäßig am Fuß einer Eisenbahnbrücke fanden. Darunter einen großen Haufen frischer, heller Brötchen, die in der Dunkelheit förmlich leuchteten. Der Fotograf Peter Liversidge hingegen hat alte Schwarz-Weiß-Bilder des Rathauses in der großen Eingangshalle aufgehängt und einen Stadtplan von Bethnal Green mit seinen Lieblingsplätzen und -lokalen entworfen. Der liegt in jedem Apartment auf dem Couchtisch.

Überall scheint das Town Hall einem sagen zu wollen: "Ich bin Teil einer lokalen Gemeinschaft und deren Geschichte. Schau dich nur um!" Vielleicht fällt einem das Stillsitzen auch deshalb so schwer, selbst im eigenen Apartment. Man kann gar nicht anders, als den eigentlich sehr zeitgenössisch eingerichteten Raum nach Spuren von früher abzusuchen. Gegen jede Vernunft fragt man sich, ob der Holzstuhl im Vintage-Look und der dunkelbraune Sekretär nicht etwas zu berichten haben aus vergangenen Zeiten. In manchen Badezimmern prangt tatsächlich noch der ehemalige Kamin neben der großen weißen Badewanne, an einigen Wänden ist alter Stuck zu sehen. Und an der Rezeption gibt es DVDs mit Historiendramen wie The Edge of Love oder Atonement, die hier in den Jahren gedreht wurden, in denen das ehemalige Rathaus leer stand.

Unter dieser Lampensammlung wird gegessen.

Die Straßen draußen lassen noch erkennen, dass dieser Bezirk sehr lange der Arbeiterklasse gehörte. Direkt gegenüber dem Hotel, unter den Schienen der Hochbahn, reihen sich alte Garagen aneinander: eine Autowerkstatt, eine Glaserei, eine Tischlerei. Doch dazwischen kann man den kürzlich vollzogenen Wandel vom Arbeiter- zum In-Viertel ausmachen: eine coole japanische Kantine, ein koreanisches Barbecue, das gleichzeitig Friseur ist – etwas weiter stellt die IMT Gallery extrem experimentelle Kunst aus. Im The Hive trinken Kids mit Vans an den Füßen grüne Säfte. Junge Kreative, Unternehmer, Künstler und Studenten befreien das Viertel von seiner Staubschicht.

Zurück im Hotel, zum Abendessen im hauseigenen Restaurant Corner Room, das fast versteckt im ersten Stock des Town Hall liegt. Hier bleibt Bethnal Green für einen Moment draußen. Man sitzt auf zeitlosen Holzmöbeln unter Lampen im Industriedesign und kann sich aufs Essen und Sein konzentrieren. Die Karte ist klein, es gibt neue englische Küche ohne abgehobene Gesten: Seeteufel mit Fenchelsamen und Blumenkohl, Flank-Steak mit Ochsenschwanz-Dumpling und Karotten; serviert von bodenständigen Kellnern in dunkelblauen Baumwolloberteilen und weißen Schürzen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

In der Bar Peg + Patriot im Erdgeschoss ist das Viertel dann wieder zu Gast. Junge Frauen in engen Jeans und mit roten Lippen tänzeln vor dem Tresen hin und her und warten ungeduldig darauf, dass die Nacht beginnt. Neben ihnen schielen Männer in Flanellhemden von ihrem Feierabendbier auf die Kurven. Paare drängen sich in den dunklen Ecken auf schwarzen Lederbänken, um im schummrigen Licht bei Rotwein ein bisschen zu schmusen.

Am nächsten Morgen berichtet die Geschäftsführerin Marie Baxter, die im ehemaligen Büro des Bürgermeisters sitzt, gerade seien wieder Nachbarn mit alten Hochzeitsbildern ihrer Großeltern vorbeigekommen. Und als sei es ganz leicht und selbstverständlich, schwankt man zwischen den Zeiten die große Treppe aus weißem Marmor hinunter, die die Absätze so schön klacken lässt; hält kurz inne und schaut durch die kleine Foyer-Kuppel aus Glas in den Himmel von gloomy England. Im Hintergrund spielt leise Swing. Auf den Stufen liegt noch eine Handvoll grüner Papierschnipsel und Reiskörner.

Town Hall Hotel
Patriot Square, London E2 9NF, Tel. 0044-20/78 71 04 60, townhallhotel.com. DZ ab ca. 160 €, Apartment ab 200 €