Um 11.10 Uhr beginne ich zu sein, wer ich sein will. "Be who you want to be", das ist der Slogan des Karriereportals der Lufthansa. Bis 11.10 Uhr bin ich: Jana Gioia Baurmann, 31, Journalistin. Ab 11.10 Uhr bin ich: Jana Gioia Baurmann, 31, mein Traumberuf Stewardess.

München, am Freitag vergangener Woche. In einem alten Backsteingebäude castet Lufthansa Flugbegleiter. Das Unternehmen braucht flugwilliges Personal, 2.800 neue Mitarbeiter, um genau zu sein, und normale Bewerbungen, also so mit Anschreiben und Lebenslauf, würden zu selten eingereicht, weiß ich von einem Pressesprecher, den ich vorher zu der Aktion befragt habe. Das Casting-Format soll helfen.

In München beginne ich zu verstehen, dass Sendungen wie Germany’s Next Topmodel und Deutschland sucht den Superstar eine Generation verändert haben: Es geht darum, sich anzustellen, um am Ende auf die Bühne zu kommen. Vor einem Monat suchte Heidi Klum gleich um die Ecke nach neuen Mädchen, einige der Anwärterinnen stehen nun für die Lufthansa an. Heidi Klum und Dieter Bohlen haben nicht nur ein neues Fernsehformat geprägt, sondern auch die Arbeit von Personalabteilungen beeinflusst. Event, Happening, Challenge, das sind Begriffe, die inzwischen mehr ziehen als das persönliche Vorstellungsgespräch. Auf der Facebookseite der Lufthansa ist ein Video zu sehen, eine Stewardess sagt: "Kommt heute vorbei, wir würden gerne Bilder mit euch machen. Wir brauchen Kollegen, die uns unterstützen." In dieser Reihenfolge.

In Heidelberg, Mainz, Augsburg und Regensburg hat Lufthansa bereits Bewerber gecastet, 1.800 kamen in Hotelfoyers und Event-Locations, am Ende bekam jeder Dritte eine Zusage. Fehlen noch immer 2.200 Flugbegleiter. Also zwei Tage Casting in München.

Zu solchen Veranstaltungen, das weiß man als Casting-sozialisierter Fernsehkonsument, sollte man früh da sein. Weil es immer Menschen gibt, die noch früher da sind als man selbst. An diesem Freitag ist das natürlich auch so. Als ich eine Stunde vor dem offiziellen Beginn an dem Backsteingebäude ankomme, stehen da bereits ein paar Dutzend Bewerber – die ganz vorn warten seit drei Stunden. Vor allem Frauen sind gekommen, junge Frauen. Ich sehe viele Haardutts, viele Perlenohrringe, viele High Heels.

"Sei einfach nur du selbst", rät Mehmet, ein anderer Bewerber, der schon mit mir im Bus saß und jetzt neben mir in der Schlange steht. "Sei offen und ehrlich." Es ist 11.10 Uhr. Offen kann ich. Ganz ehrlich bin ich ab jetzt nicht mehr. Mehmet erzähle ich, dass ich als freie Texterin arbeitete, kleinere Agenturjobs, dass ich jetzt aber rauswolle, die Welt sehen. Immerhin sehe ich authentisch aus. Ich trage weder High Heels noch Rock, sondern Jeans und Turnschuhe, wie bei einer normalen Recherche.

Mehmet hat eine Ausbildung bei der Bordgastronomie der Deutschen Bahn gemacht. Hier, in der Warteschlange, würde niemand in der Bordgastronomie der Deutschen Bahn arbeiten wollen, obwohl es im Bordrestaurant statt Plastikklapptisch und Plastikgeschirr gestärkte Tischdecken gibt und weißes Porzellan. Mehmet will das auch nicht mehr, er hat vor Kurzem gekündigt, und er will un-un-unbedingt Steward werden. Er hat dafür extra einen Englischsprachkurs gemacht, Level B2, und ist nur für das Casting am Tag zuvor aus Stuttgart angereist. Viele hier haben noch mehr Kilometer hinter sich.

Den Wartenden hat Lufthansa den roten Teppich ausgerollt, billig zwar, für den Show-Effekt reicht es trotzdem. Ein paar sehr schöne Mitarbeiter sind da, in Lufthansa-Stewardessen-Kostümen aus vergangenen Jahrzehnten sollen sie entertainen. Mehmet, der sich auch vorstellen kann, Model-Booker zu werden, nickt anerkennend – und will sofort ein Foto mit ihnen. Ich halte sein Smartphone. Dann machen wir, klar, noch ein Selfie, muss ja dokumentiert werden. Unter die Fotos platziert Mehmet Hashtags und aufgeregte Emojis, zack, alles ins Internet, alles teilen.

Mit uns in der Schlange warten auch: Bankkauffrauen, Bankkaufmänner, Wirtschaftspsychologen, Jurastudenten, eine Mutter, die zufällig den Freund ihrer Tochter trifft, Geisteswissenschaftler, Abiturienten, Arbeitslose. Der Job des Flugbegleiters scheint ein Auffangbecken für Umentscheider zu sein.