Tür an Tür mit dem Laster

Gegen halb zwölf, zur besten Frühstückszeit für Langschläfer, sitzt Victor Kiswell in den tiefen, abgewetzten Lederpolstern des Le Pigalle und erzählt von seiner Kindheit hier in der Gegend zwischen Moulin Rouge und Oper.

Damals, in den späten Achtzigern, begegnete ihm jeden Morgen auf dem Schulweg diese alte Hure. Sie war sehr groß, sehr grell geschminkt und früher möglicherweise mal ein Mann. Doch was ihn am meisten beeindruckte: Sie trug einen BH, der die Brüste frei ließ. "Als Kind fand ich das völlig widersinnig."

Irgendwann war die alte Hure verschwunden, es kamen jüngere Frauen, viele Südamerikanerinnen, herausgeputzte Transvestiten – und als dann vor zehn, fünfzehn Jahren auch junge Künstler und Familien die damals noch günstigen Wohnungen in dem Rotlichtviertel unterhalb von Montmartre entdeckten, wurde alles ganz anders. Schicke Bistros eröffneten neben Bordellen und Abschleppläden, Feinkostgeschäfte, Kindergärten – und vergangenen Herbst auch das Hotel Le Pigalle.

In der hellen, wuseligen Lobby rührt Victor Kiswell im Kakao, während aus den Lautsprechern eine ziemlich bekiffte Reggae-Version des Siebziger-Jahre-Klassikers Mr. Big Stuff tröpfelt. "Hören Sie die Ironie? Aus Mr. Big Stuff wurde Sister Big Stuff!" Kiswell, dunkles Hemd und grau meliertes Haar, ist DJ, Produzent und, wie man hört, Besitzer einer der weltweit größten Sammlungen seltener schwarzer Musik. Vor der Eröffnung des Hotels hat er sich drei Monate lang eingesperrt, um einen insgesamt 54 Stunden umfassenden Soundtrack zusammenzustellen, sein persönliches Best-of.

Der 40-jährige Musiknerd gehört zu dem Kreis aus Künstlern, Architekten, Fotografen aus dem Quartier, die die Hotelleitung schon in der Planungsphase als Ideengeber verpflichtet hat. Ihre privaten Visionen, Spleens und Vorlieben sollten das Le Pigalle tief in der Nachbarschaft verwurzeln. Denn, so die Idee, wer hier absteigt, ist kein Durchreisender. Er wird für ein paar Tage Teil von SoPi, South Pigalle, wie selbst die Franzosen das angesagte Viertel inzwischen nennen. Dessen spektakuläre Widersprüche springen einem schon vor der Eingangstür ins Auge: rechterhand ein blitzsauberes Biokaufhaus, links ein Sexshop, in dessen verstaubter Auslage ein Gleitmittel namens Juicy Jungle als letzter Schrei angeboten wird.

Drinnen donnern die Widersprüche weiter auf einen ein. Schwarz-weiß flirrender Terrazzoboden, riesige Gladiolen-Bouquets, Vintage-Möbel von 1940 bis heute, Stein, Holz und Plastik. Hinter dem Marmortisch, auf dem die Zeitungen ausliegen, tut sich eine rot ausgepolsterte Nische für Striptanz auf, die einmal im Monat tatsächlich benutzt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Die Gipsrippen an den Wänden zitieren die antikisierende Architektur des Viertels, das im 19. Jahrhundert den Beinamen La Nouvelle Athènes trug. Schon damals schätzte die Bohème die Nähe zum Laster. Viele Künstler und Schriftsteller wohnten und arbeiteten in Pigalle, darunter Zola und Toulouse-Lautrec. Später war Serge Gainsbourg hier zu Hause, gaben die Rolling Stones und Prince ihre ersten Konzerte. Sex, Kunst und Rock ’n’ Roll – darum soll es gehen.