Wenn man dem Generaloberen der Piusbruderschaft, Bernard Fellay, glauben darf, dann könnte es in absehbarer Zeit unter Papst Franziskus zu einer Einigung der Piusbruderschaft mit dem Vatikan kommen. Man fragt sich jedoch, zu welchem Preis. Papst Franziskus wird zwar nicht unbedingt als intellektuelle, wohl aber als eine moralische Autorität wahrgenommen. So dürfte selbst ernannten Verfechtern der kruden Idee eines christlichen Abendlandes der Einsatz des Papstes für Flüchtlinge ein Ärgernis sein. Der Franziskus geschenkte Kredit könnte aber verbraucht sein, sollte die Einigung zwischen der Piusbruderschaft und dem Vatikan tatsächlich zustande kommen.

Als Benedikt XVI. im Jahr 2009 die Exkommunikation der vier suspendierten Bruderschaftsbischöfe aufhob, gab es ein mediales Kopfschütteln. Und keineswegs nur in Deutschland. Entzündet hatte sich dies vor allem daran, dass Richard Williamson, einer der besagten Bischöfe, den Holocaust geleugnet hatte. Es ist dem damaligen Papst wohl zu glauben, dass er das Opfer einer Informationspanne im Vatikan wurde. Ein Fehler war die Aufhebung der Exkommunikation aber völlig unabhängig von den skandalösen Ausfällen Williamsons. Und dieser Fehler würde – mit unabsehbaren Folgen – wiederholt werden, wenn Benedikts Nachfolger es zu einer offiziellen Anerkennung kommen ließe.

Fortschritte scheinen Vatikan und Piusbrüder vor allem in der Frage erzielt zu haben, wie eine künftige organisatorische Eingliederung der Bruderschaft in den Komplex der römisch-katholischen Kirche aussehen könnte. Aber das ist nur eine von vielen Fragen.

Wenn unentschieden bleiben darf, wie sich die Priesterbruderschaft zu den theologischen Kurskorrekturen des Zweiten Vatikanischen Konzils verhalten soll, so frage ich mich: Ist die Kirche denn jetzt im Anything-goes angekommen? Bis heute weigert sich die Piusbruderschaft schließlich, das im Zweiten Vatikanum revidierte Verhältnis der Kirche zu den Prinzipien von Religions- und Gewissensfreiheit anzuerkennen.

Nebenbei bemerkt: Mit dem Konzil ist die römisch-katholische Kirche keineswegs in der Neuzeit angekommen, was von Konzilsenthusiasten bis heute nicht bemerkt wird. Sie erkennt die Freiheit zwar mittlerweile als Wert an, bleibt aber letztlich dem alten Denken einer objektiv einsichtigen Wahrheit verhaftet.

Nun gut. Der Piusbruderschaft gehen schon die Konzilsbeschlüsse zu weit. Das betrifft auch die Neujustierung des Verhältnisses zu den anderen Religionen und hier insbesondere zum Judentum. Nein, so der Piusbrüder tiefe Überzeugung, der Christusgott hat ein Anrecht auf einen jeden Menschen, und deshalb sind alle nicht-christlich – ich muss präziser sein: alle nicht im Sinn der Piusbruderschaft glaubenden Menschen – objektiv in der Unwahrheit. Und damit davon bedroht, sich ewige Höllenstrafen zuzuziehen.

Man mag es nicht für möglich halten, dass in der Piusbruderschaft diese theologischen Vorstellungen bis heute existieren. Aber man muss nur googeln. Was die Nutzung moderner Technologien angeht, hat die Piusbruderschaft – wie übrigens alle auf Antimoderne getrimmten Organisationen – kein Problem damit, modern zu sein. Wenn Internet und Smartphone im Talar helfen zu missionieren, so sei es drum. Einen Vorteil aber haben diese Technologien: Man kann sich informieren, und auch der Papst könnte dies tun. Die Rundbriefe des Generaloberen Bernard Fellay reden jedenfalls nicht um den heißen Brei herum.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Zwar hat der ehemalige Papst Benedikt XVI. der deutschen Theologie jetzt vorgeworfen, sie sei zu theoretisch, was wohl sagen will: zu aufklärerisch verkopft und zu wenig in seinem Sinn glaubensfest. Aber liest man Fellays Rundbriefe, so schadet es nicht, den Kopf einzuschalten, auch wenn sich dann zumindest meiner angesichts der dort zu findenden religiösen Fantasien geradezu selbstständig zu schütteln beginnt. Sich einzugestehen, auf dem Irrweg sein zu können, ist Ausdruck von Freiheit. Für ein Bewusstsein, das historisch denkt und den Irrsinn nicht einfach verschweigt, der über die Menschheitsgeschichte gekommen ist, ist dies selbstverständlich. Deshalb wird es auch nie ein aufgeklärtes Zeitalter geben. Im günstigsten Fall lernt man, sich stets neu über mögliche verhängnisvolle Irrwege des Denkens aufklären zu sollen. Von all dem ist in der Piusbruderschaft nichts zu spüren.

Nun ist der globale Katholizismus ein buntes Phänomen, und die Vorstellung, dass es tatsächlich einmal einen homogenen katholischen Glauben gegeben habe, nichts anderes als eine historische Fiktion. Solche Fantasien sind das eine, das andere aber sind Essentials. Will Franziskus wirklich eine Kirche, in der die einen für ein modernes Menschenrechtsethos streiten, während die anderen im 19. Jahrhundert verharren? In einem römischen Katholizismus, der in der Erklärung der Menschenrechte die Pest der Neuzeit erblicken wollte?