Stellen Sie sich eine Familie mit drei Kindern vor. Kind eins ist schön und entsprechend arrogant. Wenn man es kritisiert, wird es zickig. Kind zwei ist lässig und hat dementsprechend viele Freunde. Nur Kind drei ist weder besonders schön noch besonders cool und allenfalls bei älteren Leuten beliebt.

So wie Kind drei müssen Sie sich Chemnitz vorstellen. Es ist eingeklemmt zwischen Dresden und Leipzig, den beiden anderen Großstädten in Sachsen. Die polarisieren, die ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich. Chemnitz, dazwischen, hat Minderwertigkeitskomplexe.

Über Chemnitz machen sogar die Chemnitzer Witze. Die Stadt gilt als überaltert. Kein Mensch will hierherreisen. Aber wenn doch mal einer herkommt, kann er es meist gar nicht fassen. So was gibt’s hier, fragen die Leute, so eine schöne Schlosskirche? So ein tolles Jugendstil-Viertel? Sieh mal einer an. Chemnitz, das ist die Sieh-mal-einer-an-Stadt der Republik. Im Ganzen nicht unbedingt harmonisch, in den Details aber überraschend und bisweilen wunderschön.

Es reicht, vom Hauptbahnhof aus über die Georgstraße zur Straße der Nationen und dort in Richtung Süden zu gehen. Sie gelangen zum Café Moskau, in dem Sie, wenn Sie einen kleinen Hunger haben, Würzfleisch bestellen sollten. Das ist jene Sorte Kindergericht, die auch im Erwachsenenalter noch schmeckt: Hühnchen in einer dicklichen Soße, mit Käse überbacken. Ein DDR-Klassiker. Die Leute hier sagen nicht Würzfleisch, sondern Ragout fin (Sie sollten es "feng" aussprechen, wie ein echter Sachse). Haben Sie großen Hunger, bestellen Sie ein Schweinesteak au four. Das ist Steak mit Ragout fin. Also Fleisch mit Fleisch an Käse. In Chemnitz kann man mit Genuss ungesund essen.

Gegenüber dem Café Moskau liegt der Theaterplatz: eine prächtige Oper, eine pittoreske Kirche und ein schönes, mehr als hundert Jahre altes Museumsgebäude. Und warum hat man das alles noch nirgendwo auf Bildern gesehen? Wegen Karl Marx.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Laufen Sie nur drei Minuten die Straße hinunter, dann nach rechts auf die Brückenstraße, dort sehen Sie, was Sie von Chemnitz-Bildern vielleicht schon kennen: eine sehr große Büste von Karl Marx. Wirklich sehr groß! Vor mehr als 40 Jahren im sowjetischen Leningrad in Bronze gegossen. Marx’ Augenbrauen hängen etwas nach unten, als wolle er sich entschuldigen für das, was in seinem Namen so getan und gebaut wurde. Chemnitz hieß ja zu DDR-Zeiten Karl-Marx-Stadt, obwohl Marx diese Stadt nie betreten haben soll. Oft lümmeln ein paar Leute auf dem Sockel des Denkmals herum. Manche essen hier, andere üben Handstand am Marx.

Zwar gehört der Stadtname zum Ersten, was man nach dem Mauerfall ablegte. Dennoch landeten die Chemnitzer auf der Suche nach einer neuen Identität immer wieder bei ihrem alten Patron. "FCK!", brüllen die Anhänger des Fußballvereins, obwohl der schon lange Chemnitzer FC heißt. "Ich komm aus Karl-Marx-Stadt", singt die Band Kraftklub. Es ist Loserstolz, der sich in dieser Stadt breitgemacht hat, fröhlicher Pessimismus. Das Stadtmarketing hat einmal versucht, Chemnitz ein neues Image zu verpassen. "Stadt der Moderne" wurde auf Autobahnschilder gedruckt. "Statt der Moderne" machten Unbekannte daraus.

Wenn Sie der Brückenstraße weiter folgen, dann erreichen Sie den Schlossteich, eine kleine Idylle in der Stadt. Paddelboote schippern auf dem Wasser, Schwäne picken im Gras, Menschen liegen auf dem Rasen. Die Schlosskirche oben auf dem Berg ist ein Highlight, hoch und hell. Eine der wenigen Kirchen, in denen man sich nicht klein fühlt, sondern groß.

Zum Schluss sollten Sie über die Schlossteichstraße und die Bergstraße zum Kaßberg laufen, dem schönsten Viertel. Eines der größten Jugendstil-Areale Europas. Da steht ein Gründerzeithaus am nächsten. "Chemnitz ist Sachsens Paris", hat die ZEIT mal geschrieben, wegen des Kaßbergs. Aber mit solcherlei Slogans würde sich diese Stadt nie schmücken. In Chemnitz wird nichts überverkauft. Das ist sowohl das Dilemma als auch der Charme dieser Stadt. Eines der empfehlenswertesten Lokale auf dem Kaßberg übrigens heißt, da können Sie ruhig lachen: Ronny’s Restaurant. Selbstverständlich mit Apostroph.