DIE ZEIT: Herr Dr. Becker, für eine schwangere Frau ist es die schlimmste denkbare Situation: sich für oder gegen das eigene Kind entscheiden zu müssen. Der Film 24 Wochen thematisiert das derzeit im Kino: Darin entscheidet sich ein Paar für einen Spätabbruch in der 24. Woche, weil bei dem Fötus eine schwere Behinderung diagnostiziert wird. Wie häufig sind solche Fälle in der Praxis?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Wolf-Henning Becker: Häufiger, als man denkt. Der offiziellen Statistik zufolge gibt es in Deutschland jährlich etwa 3.800 Schwangerschaftsabbrüche aus medizinischer Indikation, davon 600 Spätabbrüche nach der 22. Woche. Aber das ist meiner Meinung nach deutlich untertrieben. Wenn man alleine die Zahlen aus unserer Praxis mit denen für Hamburg vergleicht, muss man sagen: Das kann nicht stimmen. Es muss sehr viel mehr Fälle geben. Nur tauchen die wohl nicht alle in der Statistik auf.

ZEIT: Dabei werden die Untersuchungsmethoden immer besser – warum kommt es überhaupt noch zu so späten Abbrüchen?

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Becker: Das hat kurioserweise auch mit dem medizinischen Fortschritt zu tun. Es gibt seit vier Jahren einen einfachen Bluttest zur Diagnose auf die häufigsten Trisomien, der immer öfter gemacht wird. Ist dessen Ergebnis unauffällig, wiegen sich viele Eltern in Sicherheit und vernachlässigen die Ultraschall-Analyse. Dabei deckt der Bluttest nur ein sehr schmales Spektrum ab. Und dann kann es passieren, dass andere schwere Krankheiten erst zu einem sehr späten Zeitpunkt entdeckt werden, etwa Herzfehler oder Nierenschäden. Wir beobachten jedenfalls in unserer Praxis, dass seit Einführung des Bluttests die späten Abbrüche zunehmen.

ZEIT: Vom Ende der 22. Woche an gilt ein Ungeborenes als prinzipiell lebensfähig. Nach dieser Zeit könnte der Fötus also lebend zur Welt kommen und müsste dann ärztlich versorgt werden. Deshalb muss er nach den derzeitigen Regelungen vor einem Abbruch im Mutterleib durch eine Spritze getötet werden. Wie ringt man sich da zu einer Entscheidung durch?

Becker: Solche Fälle gehören natürlich zu den schwierigsten überhaupt. Das will niemand, auch kein Arzt. In unserem Zentrum berufen wir in solchen Fällen immer eine Ethikkommission ein, in der zum Beispiel ein Kinderarzt, eine Hebamme, ein Humangenetiker, ein Seelsorger und eine Psychologin sitzen, die sich alle mit der Mutter unterhalten. Und nur wenn die am Ende zu einem einhelligen Urteil kommen, wird einem solchen Abbruch zugestimmt.

ZEIT: Wie gehen die Frauen mit solchen Extremsituationen um?

Becker: Sehr individuell. Manche sind klar und entschieden, wissen genau, was sie wollen. Andere sagen im letzten Moment: "Nein, ich kann doch nicht."

ZEIT: Wie kann man eine Frau bei dieser fürchterlichen Entscheidung unterstützen?

Becker: Wichtig ist, sich so viel Zeit zu nehmen, wie man braucht. Oft denken die Frauen: Die Schwangerschaft ist so weit fortgeschritten, jetzt drängt die Zeit! Aber gerade in solchen Situationen sollte man sich nicht unter Druck setzen. Die Entscheidung muss reifen. Wir als Perinatalmediziner empfehlen den Frauen, sich weiteren Rat einzuholen, zum Genetiker zu gehen, zum Psychologen oder Pastor, damit sie ein möglichst rundes Bild bekommen.

ZEIT: Und was antworten Sie auf die Frage: Was würden Sie an meiner Stelle tun?

Becker: Ich informiere möglichst umfassend aus ärztlicher Sicht und gebe meine prognostische Einschätzung – aber bei einer so existenziellen Entscheidung maße ich mir nicht an, mich in die Privatsphäre einzumischen.

ZEIT: Was gibt den Frauen Halt?

Becker: Natürlich ist der Partner ganz wichtig. Häufig erkennt man schon an der Art und Weise, wie ein Paar im Sprechzimmer miteinander umgeht, ob es diese Ausnahmesituation gut durchsteht. Manchen Menschen gibt auch ihr religiöses Weltbild Halt. Und das soziale Umfeld spielt eine wichtige Rolle – wie die Familie reagiert, die Freunde. Je mehr Menschen die Entscheidung mittragen, desto leichter wird es.

ZEIT: Bekommen Sie später Rückmeldungen?

Becker: Ja, das kommt vor. Manche sagen: Der Abbruch war die richtige Entscheidung. Es gibt aber auch den umgekehrten Fall, dass sich die Ethikkommission gegen einen gewünschten Abbruch aussprach, die Frau das Kind bekommt und mir nach Jahren schreibt: Danke, dass Sie die Schwangerschaft nicht abgebrochen haben. Das freut einen natürlich. Aber oft gibt es keine einfache Antwort auf die Frage, was richtig oder falsch ist. Ich bin ja nicht Gott, und wir bewegen uns da mitunter auf einem sehr schmalen Grat.