Was bisher geschah: Vor Kurzem wurde der Mord an der vor 27 Jahren verschwundenen Birgit Meier aufgeklärt (ZEIT Nr. 42/16). Täter war der Friedhofsgärtner Kurt-Werner Wichmann, ein verurteilter Vergewaltiger und Mann mit sadistischen Neigungen, der laut Polizei auch für andere Verbrechen infrage kommt (ZEIT Nr. 43/16).

Eine Hand ragt aus dem Reisig, und Verwesungsgeruch erfüllt die Luft: Seit mehr als sieben Wochen liegen die Leichen von Ursula und Peter Reinold unter einer Kiefer in einem Haufen aus Zweigen. Tiere haben die Leichen angefressen, auf den menschlichen Überresten kriechen Maden.

Der 12. Juli 1989, der Tag, an dem drei Blaubeersammler die Leichen entdecken, ist sonnig, und es sind – wie damals üblich – viele Erholungssuchende in der Göhrde unterwegs. Die Göhrde, so heißt das ausgedehnte Waldgebiet östlich von Lüneburg, war früher vor allem bei Paaren beliebt, die ungestört sonnenbaden oder Sex in der Natur haben wollten. Aus ganz Norddeutschland und aus West-Berlin kamen Menschen hierher. Seit den grausigen Doppelmorden im Jahr 1989 ist die Göhrde verwaist. Sie heißt jetzt Totenwald.

Die Blaubeersammler im Waldabschnitt "Jagen 138" haben noch den Verwesungsgeruch in der Nase, als sie sich auf den Weg zum Förster machen. Der ruft die Polizei. Wenig später legen Polizisten die beiden Toten frei. Sie liegen auf dem Bauch, die Hände sind auf dem Rücken überkreuzt, als seien sie gefesselt worden. Beide sind fast nackt, nur Ursula Reinold trägt noch einen bis zur Hüfte hochgeschobenen Rock. Der Kehlkopf ihres Ehemannes ist eingedrückt. Bis heute ist unklar, ob die Reinolds erschossen, erschlagen oder stranguliert wurden. Unklar ist auch, ob sie sich ausgezogen haben oder ob ihr Mörder das getan hat – und wo die Kleidung ist.

Doch dann geschieht etwas, das den Fall einzigartig macht in der deutschen Kriminalgeschichte: Noch während die Polizei die Leichen der Reinolds untersucht, wird 800 Meter entfernt, im Abschnitt "Jagen 147", ein weiteres Liebespaar erschossen. Es sind Bernd-Michael Köpping und Ingrid Warmbier. Sie treffen sich hier heimlich, denn beide sind verheiratet, aber nicht miteinander. Sie ist Hausfrau, er Bezirksleiter der Toto-Lotto GmbH, auf einer Reise haben sie sich kennengelernt. Die Leichen werden erst zwei Wochen später entdeckt, zufällig, als Beamte das Waldgebiet wegen des ersten Doppelmords noch einmal durchkämmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Die neuen Leichen liegen auf einer zwei mal fünf Meter großen Lichtung, mit dem Gesicht nach unten, im rechten Winkel zueinander. Die Frau ist mit Leukoplastband gefesselt, das es nur im medizinischen Fachhandel gibt, "zweischichtig und entgegen dem Uhrzeigersinn", heißt es im Tatortbericht. Ihre Bluse ist "in Höhe der Brüste aufgeschoben", der BH in der Mitte durchschnitten, der Schädel zerschmettert. Den Opfern wurde außerdem in den Kopf geschossen. Dass die Polizisten die Schüsse nicht hörten, ist purer Zufall. Die Lichtung liegt in einer Senke.

Durch den neuen Fund bekommt die beiläufige Beobachtung der Blaubeersammler nachträgliche Bedeutung. Sie sprachen von einem Mann, der ihnen auf dem Weg zum Förster begegnet sei. Zwei Wochen später, nach dem zweiten Leichenfund, können die Blaubeersammler den Mann nur vage beschreiben. Woran sie sich aber erinnern: Der Mann hatte einen Beutel dabei. Und dieser Beutel war nicht leer. Sowohl schlank als auch kräftig soll der Mann gewesen sein, Mitte 40, mittellange braune Haare, ohne Brille und Bart. Diese Zufallsbegegnung mit einem Mann steht plötzlich im Zentrum der Ermittlungen, auch wenn er nicht der Mörder gewesen sein muss. Nach den Beschreibungen der Blaubeersammler wird ein Phantombild gefertigt.