I. Wolf Biermann und ich

Ich bin als Kind mit Hitparaden-Musik und Rockmusik aufgewachsen. Meine Schwester hörte Michael Holm, mein Bruder Bachman-Turner Overdrive. Spät in meinem Leben, ich war schon dreizehn, zeigte mir ein etwas älterer Bekannter einen Akkord auf seiner Gitarre. Er besaß eine billige E-Gitarre und eine Art Taschenverstärker (vielleicht ein umgebautes Kofferradio), sah damit wild aus und konnte genau einen Akkord greifen: D-Dur. Ich war beeindruckt und hielt das für rockfähig.

Ein paar Monate später zupfte ich selbst auf einer Gitarre herum. Ein GI, der bei uns verkehrte, brachte mir das Intro zu Stairway to Heaven bei. Hartnäckig übte ich die paar Töne. Und natürlich landete ich irgendwann bei den deutschen Liedermachern. Spielte Wader oder Mey nach, oder von Wolf Biermann Soldat Soldat.

Soldat Soldat war ja einfach, kaum schwerer als Lady in Black. Viele Leute um mich herum klampften das. Aber dann begann ich die Biermann-Platten meines Bruders in Gänze zu hören und wurde stutzig. Ich hörte Klänge, Akkorde, die mir völlig fremd waren. Ich setzte mich vor den Plattenspieler und versuchte das nachzuspielen. Teils unmöglich. Ich nahm mir die schwarzen Wagenbach-Bücher vor, in denen Biermann einige seiner Lieder aufnotiert hatte, handschriftlich, und zwar oft den gesamten Gitarrensatz. Das heißt, ich hatte im Notenbild vor mir, was er auf der Gitarre tat. Oder sagen wir besser: Diese Noten deuteten wenigstens im Ansatz an, was er da tat.

Biermann spielen bedeutete erst mal zweierlei: einen technischen Aufwand, der nahe dran ist an dem, was man braucht, um südamerikanische oder spanische Komponisten zu spielen oder gewisse Dinge aus der Klassik-Romantik-Epoche. Und zum anderen: völlig neue harmonische Zusammenhänge. Gewisse Züge an Biermanns Spiel erinnerten auch vom Klang her an spanische oder südamerikanische Musik. Er hatte so einen Spanier-Effekt drauf, als klapperte man mit Kastagnetten auf den Saiten. Rat-tat-tat! Es klang fast wie Maschinengewehrschüsse. Dann wieder lag eine Düsternis in der Musik, als würde man die mysteriösesten Stellen in den Liedern von Schubert oder Schumann hören. Allerdings hatte ich damals weder Ahnung von spanischer Musik noch von Schubert oder Schumann. Ich wusste nur eins: Wolf Biermann hörte sich völlig anders als alle anderen an.

Ich begann, auf Biermann-Konzerte zu gehen. Wer damals Konzerte von ihm gesehen hat, erinnert sich sicher, dass Biermann gern minutenlang einen einzigen Akkord anschlug und dazu erzählte und erzählte. Ich brachte Wochen damit zu, diese Form des Anschlags zu üben. Einmal (im damals noch existierenden Frankfurter Volksbildungsheim) kam es sogar zu einer Unterhaltung. Ich saß in der ersten Reihe auf dem Boden und sah, wie Wolf Biermann sich vor dem Konzert etwas auf die Nägel schmierte. Ich fragte, was er da mache. Da pinselte er mir eine Art Kleber auf meine noch ziemlich weichen Nägel. Ich kaufte mir dann auch so ein Fläschchen. Das war unsere erste Begegnung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Später wurde ich klassischer Gitarrist. Ich spielte Bach, englische Renaissance, auch Spanier und Südamerikaner und machte meine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule. Aber neben den ganzen Gitarren-Klassikern spielte ich immer noch Der rote Stein der Weisen, Das Hölderlin-Lied oder etwa die Ballade vom preußischen Ikarus. Soldat Soldat, das wusste ich inzwischen, ist auch nicht so einfach, wie viele glauben. Schon da zeigt sich, wie nahe die Lieder Biermanns den Klaviersätzen der romantischen Kunstliedkomponisten stehen. Ich spielte sie auch so, wie Kunstlieder, und hatte mehrere von ihnen im Repertoire. Viele davon machten mir im rein technisch-motorischen Sinne einfach Spaß. Eines seiner berühmtesten und berüchtigtsten Lieder ist das Florian-Havemann-Lied Enfant perdu. Die ersten beiden Takte muss man richtig dreckig und brutal spielen, und man hat mittendrin eine gewaltige blue note, also einen absichtlich unschönen Ton. Je öfter ich das spielte, desto klarer wurde mir, dass das ein Riff war, das hinter gewissen Riffs von Motörhead oder AC/DC nicht anstehen musste. Und das alles auf der kleinen, akustischen Gitarre. Zwei Töne, und es ist Biermann.

Ich spielte die Lieder viel tonschöner als der Meister selbst. Selbst mein dreckiges Enfant perdu klang im Vergleich zum Original, wie wenn man Deep Purple auf ein Sinfonieorchester runterbricht. Manches bekam ich sowieso nicht in den Griff. Etwa dieses maschinengewehrartige Kastagnettengeklappere, diese blitzschnell hingeschossenen drei Töne: Rat-tat-tat! – ich wusste einfach nicht, wie er das macht.

Noch mit Mitte zwanzig, also längst aus dem Nacheifer-Alter heraus, setzte ich mich manchmal vor den Videorecorder und schaute mir (mit der Gitarre in der Hand), das Köln-Konzert von 1976 an, aufgrund dessen Biermann aus der DDR ausgebürgert wurde. Ich sah mir einzelne Passagen in Zeitlupe an, spulte vor und zurück, nur um diese Biermann-Finger zu verstehen. Von seiner Stimme und der Kraft seiner Aufführung will ich gar nicht reden. Von brutal und zynisch bis hin zur totalen Sanftheit – ja, Stimmschönheit.