Das Wort Nein ist, das weiß jeder, ziemlich genau die Definition dessen, was Kinder unter babyleicht verstehen. Wenn meine anderthalbjährige Tochter zum Beispiel etwas ablehnt, schüttelt sie befreit ihr Haupt, als wäre sie Ehrenmitglied der Red Hot Chili Peppers, und ruft dazu: "Nein! Nein! Nein!", gerne in Stadionlautstärke. Damit hat sie übrigens schon vor ihrem ersten Geburtstag angefangen. Wenn sie dagegen einen Sachverhalt bestätigen oder ihre Zustimmung bekunden will, nickt sie, sehr konzentriert und angestrengt. Einmal hoch, einmal runter. Mehr schafft sie nicht. Ein Ja hat sie erst vor ein paar Wochen zum ersten Mal geäußert und dann lange nicht mehr.

Unter Erwachsenen gilt Nein zu sagen neuerdings als eine ganz besondere Herausforderung, als etwas, das man unter Anleitung von Ratgebern, Coaches oder Therapeuten erst mühsam erlernen und dann fleißig üben muss. So wie Menschen einander früher vielleicht über Jagderfolge berichtet haben, erzählen wir uns heute von den Dingen, die wir nicht mehr zu tun bereit sind. Ein Bekannter gab neulich damit an, dass er sich aus dem Kinderladen seines Sohnes komplett heraushalte, die "Orga-Fritzen" sollten das mal unter sich ausmachen. Dass es ohne Orga-Fritzen keinen Kindergartenplatz für sein Kind gäbe, bedachte er dabei nicht. Später berichtete mir eine Freundin stolz, sie habe beschlossen, dieses Jahr auf keine der vielen Hochzeiten zu fahren, zu denen sie eingeladen sei. "Es wird mir einfach zu viel, all die Klamotten, die man dafür kaufen muss, dauernd so kaputt sein vom Feiern." Mit der Enttäuschung müssten ihre Freunde eben leben, sie müsse Grenzen setzen.

Vor zehn Jahren sang die Band Tocotronic in einem kleinen, wilden Lied: "Sag alles ab / Geh einfach weg / Schalt die Maschine ab und / frag nicht nach dem Zweck". Was damals klang wie ein utopischer Aufruf zur Verweigerung, kann man heute getrost stecken lassen: Viele von uns betreiben das Absagen mittlerweile fast zwanghaft – und glauben, dabei wichtige Selbstschutzarbeit zu leisten. Wir sagen Meetings ab und Urlaube, wir sagen Nein zu ungelesenen Büchern. Bitte kein Ehrenamt, jetzt nicht auch noch der neuen Kollegin dauernd helfen müssen, och nee – am liebsten sagen wir Nein zu anderen Menschen.

Selbst in der Politik ist das Wort Nein so präsent wie nie. Den ganzen Sommer lang diskutierte die Öffentlichkeit über den Satz "Nein heißt Nein". Kein Slogan mobilisiert die Deutschen so massenhaft wie das NEIN zu TTIP und Ceta. Eigentlich seriöse Politiker fordern, aus Sätzen wie "Wir schaffen das" ein "Wir schaffen das NICHT" zu machen.

In unserem Alltag setzt sich dieser Hang zur Antihaltung dann fort. Die bei unter Zwanzigjährigen sehr beliebte Sängerin Meghan Trainor zum Beispiel besingt mit ihrem aktuellen Hit NO ihre Antwort auf nervige Anmachen in der Disco: "Mein Name ist Nein / Mein Sternzeichen ist Nein / Meine Nummer ist Nein". Junge Frauen beim Feiern – alles, was sie wollen, ist ihre Ruhe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 44 vom 20.10.2016.

Grenz dich ab! Gönn dir Ruhe! Das sind auch die zentralen Botschaften der ganzen Achtsamkeitslehren, die insbesondere von Frauen begierig aufgesogen werden. In Lifestyle-Büchern und Magazinen wird vor den Gefahren gewarnt, die jedem drohen, der nicht lernt, "auch mal Nein" zu sagen. Bei Refinery29, einem beliebten Onlinemagazin für weibliche Leser, berichtete neulich eine Autorin über ihr Karriere-Burn-out, das sie auf ihre Unfähigkeit zurückführte, irgendetwas nicht zu machen. Sie schreibt, sie spüre das Burn-out noch heute, weil sie sich nicht mehr in demselben Maße für Projekte begeistern könne wie zu Anfang ihrer Karriere. Aber ist das tatsächlich eine Krankheit aufgrund akuter Nein-sagen-Unfähigkeit? Klingt eher wie der natürliche Verlauf fast jeder Berufsbiografie.

Es gibt auch massenhaft Bücher zum Thema. Und jeden Herbst ergießt sich ein neuer Schwall von Pamphleten über den Buchmarkt, die behaupten, das Nein erfordere in unserer Gesellschaft unheimlich viel Mut. Dahinter steckt die Vorstellung, dass der moderne – und insbesondere berufstätige – Mensch seinen Alltag fernbeherrscht und fremdbestimmt bestreitet und sein eigentliches Leben irgendwie verpasst.

Wir sagen Nein und grenzen uns ab, von lästigen Pflichten und nervigen Nachbarn. Bloß: Wie soll gesellschaftliches Miteinander aussehen, wenn das eigene Wohlbefinden stets Priorität hat?

"Nie war die Gefahr so groß wie heute, seine Wünsche und Träume zu verraten. Der moderne Mensch lebt für die Arbeit, für die Familie oder für den Facebook-Account, aber nicht mehr für sich selbst", schreibt Karriereberater Martin Wehrle in seinem Ratgeber Sei einzig, nicht artig. Die Botschaft: Aufgaben und Anforderungen, die andere Menschen an dich stellen, blockieren den Weg zu deiner eigentlichen Bestimmung. Auf die Spitze treibt diese Haltung die Autorin Sarah Knight, deren Bestseller Not Sorry kürzlich bei Ullstein erschienen ist. Untertitel: Vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben. Knight rät ihren Lesern: "Hören Sie auf, sich zu entschuldigen. Vergessen Sie die Meinungen der anderen. Machen Sie sich frei von ungeliebten Verpflichtungen, Scham und Schuld." Knight nennt das die Not-sorry-Methode. Ich würde es eher als "Anleitung für das Leben als Einsiedler und prähistorischer Höhlenmensch" bezeichnen.

Wie soll ein gesellschaftliches Miteinander aussehen, wenn im Umgang mit anderen Menschen das eigene Wohlbefinden unter allen Umständen oberste Priorität hat? Die meisten Menschen leben nun einmal mit anderen, für die sie dann auch etwas tun müssen. Bevor es Facebook gab, musste man sich eben in der Gemeinde oder der Nachbarschaft beweisen. Dass einer isoliert vor sich hin lebt und nur seinen eigenen Bedürfnissen gehorcht, war immer die Ausnahme – was vielleicht auch ganz gut so ist.