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Noch spricht fast niemand öffentlich darüber. Aber in dem immer feindseliger werdenden Verhältnis zwischen Amerika und Russland schwelt ein Konflikt, der jederzeit auflodern kann. Wenn nicht alle Beteiligten sehr aufpassen, kehrt der fast vergessene Streit über Raketen und Nuklearsprengköpfe, über Reichweiten und Megatonnen, über Abschreckung und "gegenseitig gesicherte Vernichtung" nach Europa zurück.

Ein Abrüstungsabkommen ist in Gefahr, aus europäischer Sicht das wohl wichtigste überhaupt. Seit Jahren schon, behauptet die amerikanische Regierung, verletze Russland den Vertrag über Nukleare Mittelstreckenraketen (Intermediate Range Nuclear Forces – INF). Lange, heißt es in Washington, werde Amerika den Vertragsverletzungen nicht mehr tatenlos zuschauen. "Unsere Geduld", sagt ein hoher Regierungsmitarbeiter, "ist nicht grenzenlos."

8. Dezember 1987: Vor dem Kaminfeuer im Foyer des Weißen Hauses unterschreiben US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow den INF-Vertrag. "Einige Journalisten und Politiker spekulieren jetzt, wer gewonnen hat", sagt Gorbatschow nach der Unterzeichnung. "Das ist ein Rückfall in altes Denken. Die Vernunft hat gewonnen." Die beiden Unterschriften besiegeln das Ende eines Jahre währenden Ringens um die Nachrüstung in Europa.

Am Beginn dieses Ringens steht ein Vortrag, den der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt am 28. Oktober 1977 vor den Mitgliedern des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London hält. Darin spricht Schmidt von einem bedrohlichen Ungleichgewicht bei den sogenannten eurostrategischen Waffen. Europäer und Amerikaner hätten den neuen SS-20-Mittelstreckenraketen der Sowjetunion nichts entgegenzusetzen. Schmidts Rede wird zur Geburtsstunde des Nato-Doppelbeschlusses und der in ihrer Emotionalität beispiellosen Nachrüstungsdebatte: Pershing-II-Raketen und Marschflugkörper (Cruise-Missiles) sollen das Gleichgewicht in der gegenseitigen Abschreckung wiederherstellen – es sei denn, die Sowjetunion wäre bereit, ihre SS-20 zu verschrotten. Das ist sie nicht. Also beschließt der Westen, gegenzurüsten und seinerseits atomare Mittelstreckenraketen aufzustellen.

Nun macht die Friedensbewegung mobil. Am 10. Oktober 1981 demonstrieren auf der Bonner Hofgartenwiese 300.000 Menschen gegen die Nachrüstung. Vor den Raketendepots der Amerikaner in der Bundesrepublik schlagen Aktivisten ihre Zelte auf, blockieren die Zufahrten. Die Linke von Heinrich Böll bis zu Oskar Lafontaine stellt sich an ihre Seite, Helmut Schmidt wird schließlich durch ein konstruktives Misstrauensvotum gestürzt, Helmut Kohl wird neuer Bundeskanzler.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Aber Schmidt sollte recht behalten. Die Stationierung von Pershing II und Cruise-Missiles lässt die Sowjets einlenken. Nach jahrelangen Verhandlungen wird mit den Unterschriften von Reagan und Gorbatschow eine ganze Kategorie von Atomraketen abgeschafft. Der INF-Vertrag wird zum Meilenstein auf dem Weg zur Beendigung des Kalten Krieges. Bereits 1991, vier Jahre nach seiner Unterzeichnung, haben Amerikaner und Russen sämtliche bodengestützten Mittelstreckenraketen zerstört. Neue dürfen nicht produziert und getestet werden.

Dieses Abkommen könnte schon bald null und nichtig sein. In einer Reihe vertraulicher Gespräche hat die ZEIT erfahren, wie gefährdet der INF-Vertrag ist. Keiner der Gesprächspartner möchte sich zitieren lassen ("Heißes Thema!" – "Sehr sensibel!"). Mancher ist gar nicht zu sprechen. Aber niemand bestreitet: Es steht viel auf dem Spiel.