Inwieweit hängt Martin Heideggers Philosophie mit seiner Hinwendung zu Adolf Hitler und zum Nationalsozialismus zusammen? Die Frage wird immer dringlicher, je mehr wir erfahren. Die jüngsten Enthüllungen haben das Bild des genialen Denkers, der keine Zeit für die Details der menschlichen Geschichte hatte, zerstört. Auch die soeben veröffentlichten Briefe an seinen Bruder Fritz lassen keinen Zweifel mehr daran, wie genau Heidegger die Ereignisse seiner Zeit verfolgte (ZEIT Nr. 43). Die Beschäftigung mit der Seinsgeschichte hat ihn nicht davon abgehalten, das Datum der Entziehung seiner Lehrbefugnis genau zu notieren und diese als eine "Brutalität, die diejenige Hitlers an Geschicklichkeit weit übertrifft", zu beschreiben. Der letzte Band der Schwarzen Hefte enthält zwischen endlos erscheinenden Notizen über Sein, Seyn und Denken eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen.

Nachdem Heideggers Gedanken über das "Weltjudentum" bekannt wurden, die sich kaum von den Schriften eines Joseph Goebbels unterscheiden, diskutieren internationale Wissenschaftler darüber, wie antisemitisch Heideggers Philosophie im Kern ist. Doch anstatt darüber zu rätseln, ob Heideggers Antisemitismus rassistischer oder seinsgeschichtlicher Natur ist, sollten wir die jüngsten Veröffentlichungen dafür nutzen, noch viel wesentlichere Fragen zu stellen. Gewiss, Heideggers Beschwerden über die "Arbeitsbelastung", die ihn bedrückt, nachdem drei jüdische Philosophen aus dem Freiburger Fachbereich entfernt wurden, verraten eine atemberaubende Kälte.

Dennoch stört mich weniger sein herablassendes Gerede über "Juden und Weiber" als seine Beschreibung der Neuzeit als "unbedingtes Unwesen". Denn obschon Antimodernismus meist mit Antisemitismus zusammenhängt, lebt Heideggers Angriff auf die Moderne bis heute fort und hat immer wieder Konjunktur. Antisemitismus ist nicht wirklich salonfähig, während Antimodernismus beinahe jeden Salon beherrscht. Wer heute versucht, die Moderne zu verteidigen, erntet bestenfalls höfliches Staunen.

Die Vorstellung, die Moderne sei eine Verfallsgeschichte, ist schon bei Nietzsche präsent, und sie war – wen wundert das? – nach dem Ersten Weltkrieg kaum zu vermeiden. Und nicht nur bei den Kriegsverlierern machte sich Verzweiflung breit. Es fiel dann den Philosophen zu, wenn nicht einen Weg aus der Krise zu zeigen, so doch wenigstens festzustellen, wann die Krise begann. Denn wenn die westliche Zivilisation in ein solches Desaster münden könnte, lag es nahe, die Wurzeln dieser Zivilisation offenzulegen und sie womöglich mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Dieser Drang zur Reinheit war keineswegs nur bei rechten Denkern verbreitet; auch Heideggers schärfste Kritiker teilten seinen Wunsch, den Beginn des Verfalls bei den Griechen zu suchen: Was Sokrates für Heidegger bedeutete, war Odysseus für Adorno und Horkheimer. Wer traut sich heute, deren Leistungen zu würdigen? Zu einer Zeit, als alles Heroische am Boden lag, konnten die Philosophen das Heroische an Sokrates und Odysseus nicht mehr erkennen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Wie konnte man nur auf die Idee verfallen, die Moderne – entweder schon bei den Griechen oder auf ihrem Höhepunkt, der Aufklärung – sei die Quelle all unseres Unglücks? Selbst Horkheimer gab später zu, dass eine Aufklärung im kantischen Sinn nie stattgefunden habe. Dennoch trug Horkheimer wesentlich dazu bei, das Bild der Aufklärung als weltfeindlich und technikfreundlich zu befestigen – ein Negativbild, das man heute noch bei Heidegger schätzt. Dabei bedarf es nicht einmal gelehrter Köpfe, um zu wissen, dass die Aufklärung nicht nur komplexer ist als die Karikaturen, die von ihr in Umlauf sind; sie ist diesen Zerrbildern meist diametral entgegengesetzt. Eine Taschenbuchausgabe von Voltaires Candide genügt, um zu sehen, dass die wichtigsten Einwände gegen die Aufklärung aus dem Herzen der Aufklärung selbst stammen. Hier wird jedem Leser klar, dass die Aufklärung selbst gegen alle Klischees angeht, die seinerzeit über sie in die Welt gesetzt wurden: Sie hält weder die menschliche Natur für vollkommen noch den Fortschritt für zwangsläufig, weder die Vernunft für unbegrenzt noch die Wissenschaft für unfehlbar.

Vor allem ist Kants Vernunftbegriff weder kalt noch leer, noch instrumentell. Kant lehnte den mechanischen Vernunftbegriff der Rationalisten entschieden ab; nicht nur, weil dieser Vernunftbegriff nicht imstande ist, die Welt zu erklären, sondern vielmehr, weil er weder frei ist noch Freiheit fördern kann. Denn das ist die Aufgabe der Vernunft: Sie stellt sich nicht, wie die Antimodernisten klagen, gegen die Natur, sondern gegen die Obrigkeit, die ihre Macht verteidigt, indem sie das Recht auf Denken einer kleinen Elite vorbehält. Die Aufklärer waren sich allemal bewusst, dass die Vernunft Grenzen hat; sie waren allerdings nicht bereit, der Elite die Festlegung der Grenzen zu überlassen. So waren die Aufklärer imstande, Sklaverei, Armut und Folter – die bis dahin als natürlich galten – infrage zu stellen. Die Verkörperung des aufgeklärten Vernunftbegriffes ist also nicht der regelbesessene Technokrat, sondern Mozarts selbstbewusster Figaro, der seinen eigenen Verstand gegen die Aristokratie einsetzt, um seine natürliche Leidenschaft zu verwirklichen.

Selbst diejenigen, die zugeben müssen, dass der Vernunftbegriff der Aufklärung sich keineswegs auf Technik oder Mathematik beschränkt, sind sich meist darin einig, dass die Aufklärung jede Form von Ehrfurcht unmöglich macht. Sowohl Gegner wie Verteidiger der Moderne betrachten die Abwesenheit von Ehrfurcht und Achtung als Kern der Aufklärung, denn diese wolle sich selbst an die Stelle Gottes setzen.