Als Deutschland seine Energiewende beschloss, sah sich das Land als Vorreiter in eine neue, bessere Welt. Weg vom Atomstrom, hin zu Wind und Sonne. Aus dem Abstand von mittlerweile fünfeinhalb Jahren sollte man aus deutscher Sicht hinzufügen, dass es sich für jedes andere Land lohnt, genau zu schauen, wohin die Deutschen gelangt sind. Ehe es sich womöglich entscheidet hinterherzureiten.

Den folgenschwersten Fehler, den ihre deutschen Nachbarn beim Atomausstieg begangen haben, können die Schweizer glücklicherweise nicht wiederholen. Neue Kohlekraftwerke zu bauen lohnt sich heute nicht mehr. Das Geschäftsmodell ist so unattraktiv geworden, dass die großen Energiekonzerne ihre Fossilsparten ausgelagert haben; zwecks ökonomischer Resteverwertung.

In den Jahren aber, die bis zu dieser Einsicht verstrichen, hat die Branche eine ganze Generation neuer Kohlekraftwerke in die Landschaft gestellt. In einer Mischung aus Gier und Torschlusspanik und als Reaktion auf den politisch beschlossenen und darum absehbaren Atomausstieg. Von Hamburg über Lünen in Westfalen und Boxberg in Sachsen bis hin zu Karlsruhe und Mannheim in Baden-Württemberg sind in Deutschland in den letzten Jahren neue Riesenkraftwerke ans Netz gegangen. Die meisten verfeuern Steinkohle, einige die noch umweltschädlichere Braunkohle.

Diese unflexiblen Riesen ergänzen sich denkbar schlecht mit der wetterwendischen Ökostromproduktion. Dennoch bilden sie nun einen wichtigen Pfeiler der deutschen Stromversorgung und werden noch für Jahrzehnte viele mühsam erkämpfte Fortschrittchen im Klimaschutz durch einen gewaltigen Rückschritt zunichtemachen.

Das hätte sich leicht vermeiden lassen – wenn man die Atomkraftwerke etwas länger am Netz gelassen hätte. Aber wer wollte das wissen?

Energiepolitik ist in Deutschland jahrzehntelang ein Stellungskrieg zwischen Traditionalisten und Modernisierern gewesen. Für Abwägung und Zwischentöne war in dieser polarisierten Debatte kein Platz. Die wichtigsten Parolen jener Zeit sind inzwischen Glaubenswahrheiten, wer Zweifel anmeldet, begründet damit nur die eigene Exkommunikation. Das Dogma lautete: Atomkraft ist des Teufels, Ökostrom mehr als ausreichend vorhanden, also ist das Erstere auf der Stelle zu ersetzen.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Im Prinzip ist ja gerade der deutsche Atomkraftgegner ein Umweltschützer, auch der Klimawandel ist ihm gewöhnlich nicht egal. In den Bauboom der Kohlekraftwerke ist das Land dennoch blind hineingestolpert. Vielen Klimaschutzaktivisten, die gegen diese Kraftwerke demonstrieren, ist nicht bewusst, dass jene ihre Existenz überwiegend oder ausschließlich dem Atomausstieg verdanken. Mehr noch: Wer es ihnen verriete, würde auf der Stelle als Handlanger der Atomlobby denunziert und niedergeschrien.

Wie man eine solche Polarisierung vermeidet? Wenn Branchenvertreter in Ministerien ein- und ausgehen, wenn die wichtigsten Gutachten und Studien von Autoren stammen, die ihr Geld bei anderer Gelegenheit mit der Energiewirtschaft verdienen, dann sind Zweifel geboten. So war es in Deutschland zu Zeiten der Atomkraft, und so war es in Deutschland wieder zu Zeiten der Energiewende.

Die Energiebranche, ob grün oder grau, produziert nicht nur Strom, sondern auch Ideologie, und die Bedeutung dieses Nebenerwerbs ist kaum zu überschätzen. Kein Einzelner, und schon gar kein Laie, kann die langfristigen Folgen einer Entscheidung von der Tragweite eines Atomausstiegs übersehen. Was man darüber überhaupt weiß, sofern von Wissen die Rede sein kann, stammt aus Hochrechnungen und Szenarienanalysen. Sie kommen gewöhnlich daher wie Wissenschaft, und dass sie in Wirklichkeit oft nur ein manipulatives und selbst manipuliertes Rohmaterial für Spindoktoren der Energiewirtschaft sind, merkt erst, wer sich tief in die Zahlen und Modelle solcher Propagandawerke vertieft.