In Brunsbüttel soll die Zukunft beginnen? Ausgerechnet hier in diesem fast niedlich kleinen Hafen, umgeben von gewaltigen Chemiewerken, einem heruntergefahrenen Atommeiler und einer Wiese, auf der bis vor Kurzem noch ein Kohlekraftwerk entstehen sollte? "Ja", sagt Frank Schnabel. "Es gibt keinen geeigneteren Ort."

Weil alle anderen lieber abwarten, will Schnabel schon mal allein anfangen mit der Zukunft. Wenn die anderen dann sehen, dass es funktioniert, können sie ja doch noch mitmachen. "Wir haben Zeit verloren", sagt Schnabel. Anderswo in Europa seien sie schon viel weiter. In Rotterdam steht die Zukunft schon, in Polen und Frankreich wurde sie gerade eröffnet. In Belgien, Italien, Spanien, Finnland oder Großbritannien ist sie Alltag.

Schnabel sieht die Zukunft vor sich, auf der Wiese gleich hinter seinem Bürogebäude. Einen gewaltigen Tank will er bauen, 100 Meter im Durchmesser, von leichten Nebelschwaden umzogen, weil der Inhalt tiefgekühlt ist auf minus 162 Grad: Erdgas, durch die Kälte verflüssigt und verkleinert auf ein Sechshundertstel seines Volumens. Und damit per Tanker transportierbar um die ganze Welt.

Schnabel will das Erdgas aus aller Welt nach Brunsbüttel holen. 400 Millionen Euro soll sein Tank an der Elbe kosten, zunächst einmal. 200.000 Kubikmeter sollen für den Anfang reichen, aber er hat genug Platz, um später anzubauen, wenn die Zukunft ihre Vorzüge gezeigt hat. Schnabel hat zwar Betriebswirtschaft studiert, aber er kann schwärmen wie ein Prediger.

Was man mit dem Flüssiggas alles machen kann:

– Lastwagen betanken, wie schon Zehntausende in China und den USA. Sie werden sauberer sein und leiser.

– Schiffe betanken, wie schon Dutzende in Norwegen und wenige Pioniere in Deutschland. Sie werden die Luft nicht mehr verschmutzen. Schiffe gibt es in Brunsbüttel viele: Der Nord-Ostsee-Kanal beginnt hier, und wer zum Hamburger Hafen will, muss an Schnabels Hafen vorbei, bis Hamburg sind es nur 41 Seemeilen.

– Die Chemieindustrie versorgen, gleich nebenan im größten Industriegebiet Schleswig-Holsteins, zum Beispiel das Yara-Düngemittelwerk, das in manchen Wintern nicht genügend Gas bekommt und umsteigen muss auf Heizöl.

– Und nicht zuletzt: das deutsche Gasnetz beliefern, das bisher allein an Pipelines hängt und damit an den Mächten am anderen Ende der Leitung. An Russland vor allem.

Schnabel glaubt an seinen Traum. Seit vergangener Woche ist der 50-Jährige nicht mehr allein damit. Er hat einen möglichen Investor gefunden und eine Absichtserklärung unterschrieben mit der niederländischen Firma Gasunie, die in Rotterdam schon drei riesige Tanks für Flüssiggas betreibt. Bis spätestens Ende nächsten Jahres wollen sie jetzt gemeinsam prüfen, ob Schnabels Traum funktioniert: der erste deutsche Importterminal für liquefied natural gas, wie es in der Fachsprache heißt, kurz LNG.

"Ich bin jetzt sehr, sehr zuversichtlich", sagt Schnabel. Das war nicht immer so in den fünf Jahren seines Kampfes, o nein.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Gegner hat er viele, manche sind unberechenbar wie der Ölpreis, manche sind mächtig wie die Hamburger Bürokratie, manche sind unsichtbar.

Aber Schnabel ist zäh. Lange hat er in Memphis gearbeitet für eine US-Firma, die einen Spezialzellstoff für Geldscheine herstellte. Schnabel war für Logistik und den Einkauf der Rohstoffe zuständig, weltweit, er war zwei Drittel seiner Zeit unterwegs. An den Wochenenden flog er heim in die Nähe von Brunsbüttel. Seine Frau arbeitete hier als Sozialarbeiterin, sie wollte, dass ihr gemeinsamer Sohn in Deutschland groß wird. Also pendelte Schnabel über Kontinente. Ein Jahrzehnt lang.

Einer wie Schnabel gibt nicht schnell auf. Selbst wenn er eine Zeit lang in die falsche Richtung gelaufen ist.