In Ruhe abhängen

Leander Schwalm (15) über glücklich getrennte Eltern und seinen Traum vom Profi-Basketball

In zwei Jahren bin ich 18 und mache mein Abi. Was ich dann machen will? Das weiß ich noch nicht. In der Schule werden wir darauf nicht richtig vorbereitet. Manche Lehrer haben nach der zehnten Klasse schon mal gefragt: Was interessiert dich denn eigentlich? Machst du den Sportkurs nur, weil er dir am einfachsten vorkommt? Willst du nicht lieber Deutsch wählen, du interpretierst doch gern Texte? Und wenn du dich für Recht interessiert, dann könntest du Jura studieren, aber hey, dann musst du dich ein bisschen mehr anstrengen!

Mein Schulpraktikum habe ich in meiner alten Kita gemacht. Darüber ärgere ich mich jetzt ein bisschen, denn da habe ich ja nichts Neues kennengelernt. Ein Freund von mir war bei einem Basketball-Magazin. Da hat er gesehen, wie so ein Heft entsteht, und er konnte es früher abgreifen.

Wir spielen beide in der Jugend-Basketball-Bundesliga. Ich habe jeden Tag nach der Schule drei, vier Stunden Training. Dafür opfere ich im Grunde meine Jugend. Aber nur, weil es mir Spaß macht. Bei mir läuft alles über Spaß. Auch in der Schule. Dann krieg ich Lust, dann packt mich der Ehrgeiz, besser zu werden. Ich hatte gerade einen tollen Lehrer, jung, engagiert, super Typ. Der hat für jede Stunde extra Papiere vorbereitet, er mochte seine Fächer, das hat man gemerkt.Seinetwegen habe ich Deutsch-Leistungskurs gewählt. Ich bin vielleicht ein bisschen faul, aber eigentlich offen für alles Mögliche, ich kann mich auch für Mathe interessieren und freue mich jetzt sogar auf Politik/Wirtschaft, das unterrichtet auch dieser Super-Typ. Ich wusste gar nicht recht, was das ist, aber jetzt bin ich gespannt. Politik interessiert mich. Nicht so, dass ich da mit Freunden drüber rede und demonstrieren gehe. Aber ich gucke Nachrichten mit meinen Eltern: Trump, Clinton, wer wird gewählt, so was.

Sollte ich keine Karriere im Basketball machen können, möchte ich gern Richter werden, weil es in diesem Beruf um Gerechtigkeit geht. Es ist ja vieles sehr ungerecht, hier in Berlin, in der Welt. Wir haben nicht alle die gleichen Chancen. Ich habe Glück, ich wohne in einem schönen Viertel. Es ist ruhig, liegt am Park, es gibt viele Kinder, die Eltern sind für uns da, wir haben gute Schulen und machen viel Sport. Manchmal muss ich in den Wedding, da wohnt mein Freund, den ich vom Basketball kenne. Das ist ein Viertel mit einer anderen Atmosphäre, härter, ärmer, krasser irgendwie. Es gibt Jugendliche in meinem Alter, die kiffen und hängen rum und verlieren sich. Weil da keiner ist, der ihnen sagt, was richtig und was falsch ist. Als Jugendlicher kennst du deine Grenzen doch noch gar nicht so. Die braucht man aber. Und manche Eltern schaffen es nicht, Grenzen zu zeigen und Halt zu geben. Dabei sind die Jugendlichen doch diejenigen, die später mal dafür verantwortlich sind, wie die Welt ist. Ich glaube, es ginge allen besser, wenn alle die gleichen Chancen hätten. Gute Eltern, Lehrer und Freunde.

Seit ich drei bin, sind meine Eltern getrennt, sie haben neue Partner und ich zwei kleine Halbschwestern. Sie haben das gut hingekriegt, sind nett zueinander und können miteinander reden. Gerade pendle ich alle zwei Wochen zwischen den beiden. So habe ich auch Abwechslung. Ich weiß nicht, ob ich mir wünschen würde, dass sie wieder zusammenleben. Klar ist es schön, eine Familie zu sein mit Papa, Mama, Kindern. Ich hätte gern mal drei. Aber lieber so, gut getrennt, als wenn die Eltern sich dauernd streiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Wenn ich das Abi habe, will ich in eine WG ziehen, mit Freunden. Dann kann ich machen, was ich will. Essen, wann ich will, daddeln, so viel ich will, abhängen, wie ich will. Und keiner stört mich auf dem Klo. Keine kleine Schwester kommt rein, während ich grad am Computer sitze. Ich würde mit meinen Kindern mehr Sachen machen, die sie interessieren: in die Trampolin-Halle gehen, Superhelden-Filme gucken. Meine Mutter geht ja lieber in Ausstellungen, in die Oper oder in ihren Garten. Sie freut sich, wenn wir da mitkommen, und ich gucke ja auch gern mal Filmklassiker mit ihr und ihrem Mann, zuletzt Der Pate und Taxi Driver. Auch mein Vater will mit mir nicht Avengers gucken oder Transformers, sondern "friedliche Filme". Also keine Action. Weil er meint, das macht aggressiv. Aber wenn ich in meinem Zimmer bin, guck ich halt lieber YouTuber, vor allem vorm Einschlafen, meist Comedy. Amerikanische YouTuber mag ich gern, die sind lockerer und lustiger als die deutschen. Ab und zu spiele ich mit meinen Freunden online Counterstrike oder League of Legends. Deswegen bin aber noch lange nicht aggressiv. Ich verbringe vielleicht drei Stunden am Tag am Computer, am Smartphone gar nicht so viel. Meine Mutter war immer schon locker mit dem Computer. Und ein bisschen großzügiger mit Geld. Meinem Vater musste ich neulich nach dem Einkaufen einen Euro zurückgeben, darüber hat meine Mutter gelacht. Aber grundsätzlich geht es nicht so unterschiedlich zu bei meinen Eltern. Okay, ja, vielleicht spiele ich das manchmal aus und denke: Um Geld bittest du lieber die Mama, wenn du nächste Woche bei ihr bist.

Sie fördern mich auch beide beim Basketball. Dazu bin ich durch Zufall gekommen. Vorher habe ich Fußball und Tennis gespielt, und dann schlug meine Mutter die Basketball-AG vor. Das hat mir richtig Spaß gemacht, und dann wollte ich ins Basketballteam von Alba Berlin, aber die wollten mich zuerst nicht nehmen. Da hat es mich gepackt, ich wollte besser werden und es schaffen. Jetzt spiele ich bei Alba, in der Jugend-Bundesliga, und bin auf einer Sportschule. Mein größtes Vorbild ist Kevin Durant, der hat sich hochgearbeitet, mit einer super Energie. Die Sportärzte sagen, ich werde mal fast so groß wie er: zwei Meter sechs. Hoffentlich klappt das.