Früher, als er noch ein Kind war, sah Frank Richter jeden Tag ein Foto der Frauenkirche. Es hing im Treppenhaus seiner Eltern. Irgendwann erzählte sein Vater ihm, wie er als Kind aus der Ferne den Bombenangriff auf Dresden erlebt hatte. Der Himmel brannte. Die Frauenkirche wurde zerstört. Der Sturm, den das Feuer entfachte, riss die Menschen von den Beinen.

Dann, vor einem Jahr, erlebte Frank Richter, wie Pegida in Dresden rund um die Frauenkirche aufmarschierte. 25.000 Menschen waren es an einem einzigen Tag. Richter ist Chef der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er wurde deutschlandweit bekannt, als er Pegida einen Raum für eine Pressekonferenz zur Verfügung stellte. Heute wird er von Fremden im Supermarkt angesprochen. Journalisten rufen ihn an, wenn es mal wieder kracht in seinem Bundesland. Heidenau, Bautzen, Dresden. Richter ist in die Rolle des Sachsen-Erklärers gerutscht.

Und jetzt wird ausgerechnet der Sachsen-Erklärer der neue Geschäftsführer der Stiftung der Dresdener Frauenkirche. Es ist die wichtigste Kirche des Ostens, ein symbolisch hochgradig aufgeladener Ort: Erbaut im 18. Jahrhundert, gilt sie als ein Meisterwerk der europäischen Baukunst. Die Nationalsozialisten instrumentalisierten sie. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie zerstört. Mehrmals versuchten die DDR-Behörden die Trümmer zu beseitigen, doch das scheiterte an den Protesten der Bürger. Die Ruine diente in der DDR als Mahnmal gegen den Krieg. Jedes Jahr trafen sich hier jene, die an die Bombardierung Dresdens erinnern wollten, aber die offiziellen DDR-Gedenkfeiern ablehnten. Nach der Wende sammelten die Dresdener Spenden in aller Welt, um die protestantische Trümmer-Kirche wiederaufzubauen. Das war durchaus umstritten, auch Richter war dagegen. Er hätte lieber die Ruinen als Mahnmal gegen den Krieg bewahrt. Doch selbst die Queen spendete. 100 Millionen Euro kamen zusammen. Als die Frauenkirche 2005 geweiht wurde, hoffte man, sie könnte ein Symbol der Versöhnung werden.

Und heute? Da hört man in der Frauenkirche nur das Klackern der Fotoapparate. Aus dem Haus des Friedens ist ein Touristentempel geworden. Dabei bräuchte Dresden gerade jetzt einen Ort der Versöhnung. Einen Ort, an dem man die verfeindeten Strömungen der Stadt zusammenbringen könnte. Die AfD, die Linken. Die Enttäuschten, die Wütenden, die Besserwisser.

Hier kommt Richter ins Spiel. Er war in der Friedensbewegung. Er arbeitete als katholischer Pfarrer, heute ist er Protestant. Beide Kirchen kennt er gut. Er hat Pegida an einen Tisch geholt. Schafft er es, die Frauenkirche endlich zu einem politischen Ort zu machen? Denn dann könnte diese Kirche eine Wirkung für das gesamte Land entfalten, für das ganze verunsicherte, demolierte Sachsen. Vielleicht hilft es Richter, dass seine eigene Biografie voller Brüche ist. Dass er schon früh gelernt hat, das Religiöse mit dem Politischen zu verbinden.

Dieser Artikel erschien in Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft, sowie in der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016.

Geboren wird Richter 1960 in Meißen. Sein Vater ist ein gelernter Maurer mit Meisterbrief, seine Mutter Sachbearbeiterin. Richter wächst in einem finanziell schlecht gestellten, tief katholischen Haushalt auf, wie er später erzählt. Einmal liest ihm seine Großmutter Verse vor, die von Engeln handeln. In der Nacht sieht Richter die Engel an seinem Bett stehen.

Der Ortspfarrer prägt ihn. Es ist ein ruhiger Mann, der einst aus politischen Gründen im KZ gesessen hat. Der Pfarrer und die Eltern halten Distanz zur DDR, das vermitteln sie auch dem Jungen. Richter verzichtet auf die Jugendweihe, obwohl er ahnt, dass das Konsequenzen haben wird. Und tatsächlich, später erlaubt der Staat ihm kein Lehramtsstudium, trotz guter Noten. Also wird Richter katholischer Pfarrer. Die Mädchen stehen eh nicht auf ihn, glaubt er. Und die Kirche hält er für einen geschützten Ort, auf den der Staat weniger Zugriff hat.

Als die Volksbewegung in der DDR beginnt, ist er Kaplan. Am 8. Oktober 1989 demonstrieren Tausende Menschen in Dresden. Auch Richter geht auf die Straße. Das Priestergewand bietet ihm einen gewissen Schutz. Richter sieht, wie die Polizei Demonstranten niederprügelt. Sie kesselt 5.000 Menschen auf der Prager Straße ein. Auch Richter ist unter ihnen. Er fürchtet die Eskalation, geht gemeinsam mit einem anderen Seelsorger zu den Polizisten. Keine Gewalt bitte. Man könne doch miteinander reden. Die Polizisten blicken zu Boden.