1. Tag. Es kreischt pubertär.

Wir treffen uns in einem Kanuclub an der Spree in Berlin-Köpenick. Die Zelte werden aufgebaut, und die Gruppe macht sich auf, um im nächsten Supermarkt einzukaufen. Vier Jungs und drei Mädchen, das ist gut. Die Mädchen werden mäßigend auf die Jungs einwirken, denke ich.

Eine der Mütter hatte mir kurz vor der Abreise eine Mail geschickt und mir gedankt, dass ich mich auf dieses Wagnis einlasse. Wenn ich ihre Tochter bloß schon vor der Pubertät gekannt hätte, würde ich wohl mehr Verständnis für ihr Verhalten haben, gibt sie mir mit auf den Weg.

Am Abend kreischt es pubertär aus den Zelten. Worauf, frage ich mich, hab ich mich hier eingelassen?

Das Ganze nennt sich Herausforderung. Eine Modeerscheinung der deutschen Reformpädagogik, auf die heute viele Schulen schwören. So wie die private Evangelische Schule Berlin Zentrum, eine der Vorreiterinnen dieses Prinzips. In klassenübergreifenden Kleingruppen schickt sie Schüler der achten bis zehnten Klasse auf eine knapp dreiwöchige Tour. Die Schüler planen alles selbst, 150 Euro stehen ihnen pro Nase zur Verfügung. Die Hoffnung: Bei der Herausforderung lernen sie mehr als im Klassenzimmer. Verantwortung! Rücksicht! Beharrlichkeit! Unter anderem der Hirnforscher Gerald Hüther steht hinter dem Konzept. Lehrer oder Eltern kommen nicht mit, nur ein volljähriger Begleiter.

Das bin ich. Journalist, Mitte 50, kinderlos. Als die Schule mich fragt, ob ich an der Paddeltour teilnehmen will, bin ich als begeisterter Kanute sofort dabei. 200 Kilometer will die Gruppe fahren, von Berlin zum Spreewald und wieder zurück. Meine Rolle ist die des Beobachters. Einschreiten darf ich nur im Notfall. Die Schüler sollen aus ihren Erfahrungen lernen, Scheitern inbegriffen. Aber was soll schon schiefgehen?

2. Tag. Essen scheußlich.

"Das bockt mich nicht", meint Paul* gleich nach dem Aufstehen. Packen in Slow Motion. Gegen elf Uhr sitzen wir in den Booten. Dustin und Richard sind die Einzigen, die vorher in die Karte geschaut haben. Die beiden sind befreundet und werden in den 17 Tagen immer wieder versuchen, die anderen zu motivieren. Aber auch ihnen fehlt die letzte Begeisterung.

Nachmittags schlagen wir die Zelte im Wald auf. Gekocht wird Billigpasta mit Billigpesto. Es schmeckt scheußlich.

3. Tag. Richard kann reden.

Für die sieben Jugendlichen gibt es vier Doppelkajaks. Marvin fährt allein. Er provoziert die Mädchen immer wieder mit Machosprüchen ("Hey Barbie") und thematisiert, er ist Afrodeutscher, dauernd seine Hautfarbe ("Das sagst du nur, weil ich schwarz bin"). Mit Smartphone und Lautsprecher beschallt er die Gruppe lautstark mit Gangsta-Rap.

Nachmittags halten wir in Königs Wusterhausen an einem mondänen Ruderclub. Richard schwatzt dem Clubvorstand Gratis-Zeltplätze ab. "Wir sind auf die Unterstützung von hilfreichen Menschen angewiesen", das ist sein Standardspruch während der Reise, der erstaunlich gut funktioniert.

Nachts wieder Kreischen aus dem Mädchenzelt.

Eigentlich sollen wir nur ein Notfallhandy dabeihaben. Aber bis auf Insa sind bei uns alle mit Smartphone ausgestattet. Snapchat und WhatsApp sind im Dauereinsatz.

4. Tag. Insa und Richard haben Beef.

Auch heute geht es erst gegen elf Uhr los. Es ist warm, alle bespritzen sich mit Wasser, bis sie klatschnass sind. Vorwärts geht’s im Schneckentempo. Als ich Carla frage, was los ist, sagt sie: "Insa hat Beef mit Richard." Also Streit. Mittagspause im Wald. Weil alle nass sind, wollen sie Feuer machen: bei Waldbrandstufe 5. Ich kann es gerade noch verhindern.

Die Stimmung ist mies. Allgemeiner Tenor: "Wir schaffen das nicht." Über die anstehenden Etappen wird nie diskutiert. Und Paddeln will auch keiner. "Ihr habt euch das doch selber ausgesucht", sage ich. Nee, meinen alle. Die Schüler sitzen hier aus allen möglichen Gründen, mit echtem Interesse und Selbstverantwortung hat kein einziger davon zu tun ("Wollte eigentlich auf die Fahrradtour, aber mein Fahrrad war kaputt", "Hab mich zu spät drum gekümmert", "Mir fiel nichts Besseres ein"). Der Einzige, der Lust auf Paddeln hat, bin ich.

5. Tag. Richard und Dustin merken was.

Die Gruppe schläft bis mittags und trödelt. Ich warte stundenlang. Das Boot ist gepackt, das Zelt verstaut. Wie gern würde ich sie antreiben. Aber das ist nicht meine Aufgabe. Nachdem Richard und Dustin sich die Karte genauer angesehen haben, merken sie, dass auf der nächsten Etappe die Ufer Naturschutzgebiete sind, wildes Campen ist verboten. Nächste Übernachtungsmöglichkeit in 19 Kilometern. Sie entscheiden sich für einen Pausentag.

6. Tag. Luca hat Angst.

Erstaunlich. Wir sind um neun Uhr auf dem Wasser, und es geht voran. Die 15-jährige Luca, syrische Mutter, irakischer Vater, ist erst seit Kurzem in Deutschland und hat vor Tieren und Insekten panische Angst. Die Jungs erzählen ihr, was sich hier im Wasser alles verbirgt: Piranhas, Schlangen, Krokodile. Lucas Augen werden immer größer.

Heute erster Tag ohne Gangsta-Rap, die Handyakkus sind leer. Ich genieße die Ruhe. Übernachtung auf dem Grundstück einer Pfarrgemeinde in Märkisch Buchholz. Wichtigste Frage, als wir ankommen: "Wo gibt’s hier Steckdosen?"

7. Tag. "Nur weil ich schwarz bin."

Am nächsten Morgen Einkauf im kleinen Dorfladen. Man einigt sich auf das Billigste vom Billigen: Nudeln mit Pesto, Eistee, Schokokekse. Als wir zurück sind, merken die Kinder, dass sie Salz vergessen haben. Drei Jungs laufen wieder los und kommen nach ein paar Minuten aufgeregt zurück. Im Laden hätte man sie verdächtigt, zu klauen. "Bestimmt nur, weil ich schwarz bin", schimpft Marvin.

Um 14 Uhr sind wir noch keine zwei Kilometer gepaddelt. Frust. Die Schüler einigen sich, etwa 50 Kilometer weniger zu fahren als geplant. Bis zum Spreewald, dem eigentlichen Ziel, würden wir dann nicht kommen. Ich weigere mich und rufe in der Schule an, aber erreiche niemanden. Um 15 Uhr sind es noch neun Kilometer bis zum Etappenziel. Plötzlich geht ohne erkennbaren Grund ein Ruck durch die Gruppe. Nur Carla hat weiterhin den Blues und sitzt apathisch im Boot. Richard paddelt für zwei. Nach Sonnenuntergang kommen wir im Spreewald an.

Während der Herausforderung darf der Begleiter in der Schule bei einem Sozialarbeiter anrufen, bei Unfällen, Krankheiten – oder massiven Krisen.

8. Tag. Carla will nach Hause.

Meine Hoffnung, dass das der Durchbruch war, wird sofort enttäuscht. Die Motivation ist gleich null. Niemand übernimmt Verantwortung. Wir paddeln ein paar Kilometer zu einem privaten Campingplatz. Eigentlich dürfen Fremde hier nicht übernachten, aber Richard ist wieder sehr überzeugend.

Carla will immer noch nach Hause – und mindestens vier andere wollen auch abbrechen. Allgemeiner Frust. Diese Passivität zu beobachten, das ist jetzt meine Herausforderung. Ich möchte brüllen. Ich schweige. Und merke, wie ich vor Wut Kopfschmerzen kriege. Abends rufe ich die Notfallnummer der Schule an und erkläre, dass fast alle abbrechen wollen.

9. Tag. Apathie.

Morgens um zehn Uhr sitzt die Gruppe zusammen und telefoniert mit dem Sozialarbeiter der Schule. Das Abbruchgesuch wird abgelehnt, die Gruppe müsse sich besser organisieren, heißt es. Richard und Marvin laufen entnervt weg. Danach Apathie. Man brauche noch mal einen Pausentag, beschließt die Gruppe. Als sie bei den Campingplatzbesitzern nachfragen, ob sie noch eine Nacht bleiben können, bietet man Übernachtung gegen Arbeit: Baumstämme schleppen. Dieselben, die auch beim Paddeln nie was tun, Carla und Luca, verdrücken sich. Abendessen: Schokomüsliriegel.