Es gab einen Moment, da hätte sie auch ganz aufgehört. Heute scheint das schwer vorstellbar bei dieser Frau: Ina Müller, ein Kind des Schmidt-Theaters, war damals, in den Neunzigern, so erfolgreich, wie man als Kabarett-Star nur sein konnte.

Zwölf Jahre tourte sie mit ihrem Duo Queen Bee, sang lustige Songs über Männer, Frauen, Beziehungen. Edda Schnittgart saß als muffelig-kritischer Sidekick am Klavier, Ina Müller, das Energiebündel, stand am Bühnenrand. "Die Sache war auserzählt", sagt Müller heute. Vielleicht also zurück nach Sylt, wo sie als Angestellte einer Apotheke mit dem Musikmachen angefangen hatte?

Es kam anders. Ina Müller ist Popstar geworden. Sie füllt Arenen, ihre Alben erreichen Platin-Status. "Ich hab lieber Orangenhaut als gar kein Profil", sang sie auf ihrem Solodebüt Weiblich, ledig, 40, umspielt von sahnigen Akustikgitarren.

Das ist zehn Jahre her, seither macht sie Power-Pop zum Älterwerden. Das Arschgeweih, das weggelasert wird, die Lustgefühle, die nur noch beim Schuhshopping auf Zalando entstehen: Müllers Songs funktionieren wie Kolumnen in Frauenmagazinen.

48 hieß das letzte Album, denn so alt war sie damals, die neue Platte hätte sie gerne "51" genannt. "Aber alle fanden das doof", sagt Ina Müller und lacht ihr rauchiges Lachen. Jetzt heißt es Ich bin die und handelt ihre derzeitige Lebensphase ab: wie man früher über Sex sprach und heute über Wehwehchen, dazu Erinnerungen an die Teenager-Zeit auf dem Dorf, gerne mit elegischen "Hey-Ya-Ya"-Chören unterlegt. Im besten Song des Albums gibt’s weder Scherzebene noch Chor. Er handelt von dem Kind, das sie nie bekommen hat: "Alles ist gut, so wie es ist / Vielleicht wär’s schöner mit dir / Ich hab dich auch nicht groß vermisst / Wie auch, du warst ja nie hier."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Es war nicht leicht, das nicht verkitscht zu singen", sagt Ina Müller und erzählt, wie es sie früher genervt hat, von Journalisten gefragt zu werden, ob sie nicht ein Kind will. "Ich hatte eben nie dieses heimelige Ich-möchte-ein-Haus-am-Stadtrand-mit-zwei-Kindern-und-abends-Grillen-Gefühl."

Darf man das Feminismus nennen? Ina Müller weiß nicht recht. "Zu Alice Schwarzers Zeiten ging es ja darum, selber zu bestimmen, ob man Kinder will, da ging es um ganz elementare Sachen. Bei uns war das anders, wir wollten Stöckelschuhe anziehen, sexy sein, nicht heiraten und trotzdem unseren Mann stehen."

Das Lässige, Rückhaltlose, dass sie auch vor Zehntausenden so wirken kann wie die schlagfertige Ina an der Bar: Das hat sie auch zu einer herausragenden Moderatorin gemacht. Im August lief die hundertste Folge von Ina’s Nacht, jener Talkshow, die 2007 als Experiment in der Hamburger Hafenkneipe Schellfischposten begann und sofort zum Überraschungserfolg wurde.

Den Dauerwitz mit dem Shantychor, der bei jedem Gag zu singen anfängt, die bierselige Ausgelassenheit, das Mitjohlen der Moderatorin – man kann an Ina’s Nacht manches nervig finden. Aber Müller schafft es wie keine Zweite im deutschen Fernsehen, ihren Gästen die Distanz zu nehmen. Weil sie keinen Deal mit ihnen mache, sagt sie. "Wir kennen uns vorher gar nicht. Wenn ich vorher schon ein Sektchen trinken würde mit denen, dann wäre der erste Moment verschenkt."

"Mein Ego schreit", singt sie im Titelstück des neuen Albums. Wie kommt man zu so einem Ego? Typisches Terrier-Verhalten, sagt Ina Müller, die mit vier Schwestern auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufgewachsen ist. "Angst und mangelndes Selbstbewusstsein durch Angriff und Bellen überwinden. Bevor du mich beißt, beiß ich dich."

"Ich bin die" ist am 28. Oktober bei Columbia/Sony Music erschienen