Beim Kochen sind Katastrophen inbegriffen. Bestenfalls verbrennt das Bœuf bourguignon, schlimmstenfalls die rechte Körperhälfte des Grillmeisters. Zumindest erzählt mir das Onkel Lukas, als er mich abends vom Bahnhof abholt. "Schau, liebe Eva", sagt er, "das da drüben ist das Hotel vom Peter. Der hat vor ein paar Wochen zu viel Spiritus auf den Grill geschüttet. Mei, war des grauslich." Ich schlucke betreten und ergänze die lange Liste der möglichen Unfälle, die mir in den kommenden Wochen zustoßen könnten, um einen weiteren Punkt.

Onkel Lukas ist nicht mein Onkel, sondern Chauffeur und Mädchen für alles der Villa Verdin, eines Dreisternehotels im kärntnerischen Millstatt am See. Dort werde ich 14 Tage als Köchin arbeiten. Die Küche der Villa Verdin ist mediterran mit lokalem Einschlag, serviert täglich wechselnde Abendmenüs à la carte. Und: Sie stellt Saisonarbeitskräfte ein. Vorkenntnisse? Nicht nötig. Lohn: Kost, Logis, Bezahlung nach Tarif – und Einblicke in das Leben eines Kochs. Die sind für mich unbezahlbar.

Seit ich 16 bin, koche ich. Kurzfristig wollte ich mein Hobby sogar zum Beruf machen. Ich finde es aufregend, wie rohe Auberginen und Sesampaste sich in Baba Ghanoush verwandeln oder Zucker, Eier und Mehl in eine Linzer Torte. Und erst das Erfolgsgefühl, wenn ein schwieriges Gericht gelingt! Auch die Rolle der Gastgeberin liebe ich – eine Art Bemuttern, das mir in jeder anderen Hinsicht peinlich wäre. In der Villa Verdin möchte ich lernen, wie ein Profi zu kochen. Was passiert mit meiner Leidenschaft, wenn sie zwei Wochen lang zum Beruf wird?

Dreisternehotel in Kärnten: die Villa Verdin

Der Millstätter See liegt ruhig inmitten hoher Berge. Private Motorboote sind verboten, stattdessen schaukeln Kähne auf dem Wasser. An der Seepromenade flanieren vereinzelte Spaziergänger, die Stimmung gleicht eher Coburg als der Côte d’Azur. Nur 3.400 Menschen wohnen hier, an den Ufern des tiefsten Gewässers Kärntens. Hinzu kommen rund 1.000 Gäste, die von 27 Küchen bekocht werden. Eine davon gehört zur Villa Verdin, einem Backsteinschlösschen mit Erkern, Türmchen und Seezugang.

Von den 17 Zimmern bekomme ich leider keines zu Gesicht, stattdessen hält Onkel Lukas wenige Minuten entfernt vor einer Dienstwohnung. Ohne Seeblick. Dafür mit drei Mitbewohnern: dem gebürtigen Iraner Jasem, einem der Köche der Villa Verdin, und zwei 17-jährigen Praktikanten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Am nächsten Tag betrete ich die Küche des Hotels und bin erstaunt: Sie ist klein, kaum größer als die einer Wohnung, und wirkt deshalb sehr voll. Auf dem Fensterbrett türmen sich Kräutertöpfe, Pürierstäbe und andere Geräte. In der Mitte prangt ein Arbeitstisch zum Anrichten, es gibt zwei Backöfen und einen Gasherd. An dem kümmert Jasem sich bereits um die Parmigiana, einen Auflauf aus Tomaten und Auberginen. Kurz zeigt er mir, wo ich Messer, Töpfe und Gewürze finde, reicht mir eine Schürze. Dann widme ich mich der Blumenkohlsuppe.

Allerdings eher zögerlich: Ich habe noch nie eine gekocht. Und ausgerechnet dieses Gericht hat Thomas Helml, einer der beiden Besitzer der Villa Verdin, mir zugewiesen. Der gebürtige Wiener, Mitte 40, Shorts, Schlappen, Dreitagebart, entwickelte gerade die Abendkarte, als ich ihn gegen Mittag zur Einweisung in der Strandbar traf. Er erklärte mir, dass in der Villa Verdin hauptsächlich mit Zutaten gekocht werde, die der hoteleigene Hof gerade hergebe – und wies dann mit dem Kopf auf eine Kiste, aus der viel Weiß quoll: "Blumenkohlsuppe kannst du?", stellte er mehr fest, als dass er fragte. Auf mein Kopfschütteln skizzierte er kurz die Zubereitung: "Schneiden, dünsten, köcheln, pürieren."