"Drei große Werke je Epoche"

Der Vorwurf, dass die Pläne überfrachtet sind, ist Quatsch. Wir haben es teilweise nicht mit Lehrplänen, sondern mit Leerplänen zu tun. Es fehlt an konkreten Inhalten – in allen Bundesländern. Für das Fach Deutsch ist in der Oberstufe selbst bei uns in Bayern nur ein einziges Werk aufgeführt: Goethes Faust. Damit sind wir weit von literarischer Bildung entfernt. Ich hätte mir gewünscht, dass zu jeder literarischen Epoche ab der Barockzeit drei bis fünf herausragende Werke der Epik, Lyrik und Dramatik zur Auswahl genannt worden wären. Doch heute gilt leider allzu oft: Bildung ist, was Pisa misst. Es geht nur um Quoten und Rankings. Statt sich um eklatante Fehler zu kümmern, weicht die Politik auf Kompetenzen-Gewäsch aus.

In den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz von 2012 sind für das Abitur im Fach Deutsch 94 verbal gigantisch überhöhte Kompetenzen aufgelistet. Da heißt es: "Die Schüler können Verstehensbarrieren identifizieren und sie zum Anlass eines textnahen Lesens nehmen" oder "Die Schüler können in geeigneten Nutzungszusammenhängen mit grammatischen Kategorien argumentieren". Solche Kompetenzen lassen sich aber nur über konkrete Inhalte vermitteln. Damit der Unterricht nicht beliebig wird und die Leistungen vergleichbar bleiben, muss die Kultusministerkonferenz einen Kanon für alle Fächer und Schulformen vorgeben. Ein herausragendes Werk pro Epoche sollten Schüler vor dem Abitur in Deutsch gelesen haben. Es gehört zur kulturellen Identität, dass den Schülern Werke aus der Literatur, der Musik oder der Kunstgeschichte bekannt sind.
Josef Kraus, 67, ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und hat von 1995 bis 2015 das Gymnasium in Vilsbiburg bei Landshut geleitet

"Mehr Deutsch als Zweitsprache"

Ab 2017 gibt es in Berlin neue Lehrpläne. Darin wird verstärkt exemplarisches Lernen gefordert, das auch schon an den Hochschulen gelehrt wird. Konkret heißt das: Wir können das Thema Armut über verschiedene Epochen hinweg betrachten – von der Antike bis zur Moderne. Die Lehrpläne sind sehr offen formuliert, wir sind frei in der Gestaltung. Ich könnte also die englische oder haitianische Revolution unterrichten. Das ist eigentlich eine gute Entwicklung, nur haben wir weder die Zeit noch das Wissen, um die dafür notwendigen schulinternen Curricula zu entwerfen. Wir bräuchten dafür Weiterbildungen, und die einzelnen Teams müssten drei bis vier Arbeitstage bekommen, um schlüssige Konzepte zu entwickeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Der neue Lehrplan formuliert außerdem allgemeine pädagogische Ziele wie Demokratieerziehung, Verbraucherschutz, Gewaltprävention oder Gesundheitsförderung, die für alle Fächer gelten. Diese Überfrachtung dürfte dazu führen, dass sich einzelne Schulen nicht richtig mit den einzelnen Themen auseinandersetzen. Was mich besonders schmerzt, ist, dass das Fach "Deutsch als Zweitsprache" in Zukunft keinen eigenständigen Lehrplan hat. Das ist ein großer Denkfehler. Als der Senat das Konzept vor drei Jahren beschlossen hat, war nicht klar, dass wir heute so viele Flüchtlings- und Willkommensklassen haben. Ohne Lehrplan und die Anerkennung als eigenständiges Unterrichtsfach können auch keine geeigneten Lehrkräfte eingestellt werden. Diese brauchen wir jedoch ganz dringend.
Juliane Zacher, 32, unterrichtet Geschichte, Ethik und Philosophie an einer Berliner Oberschule und leitet den Vorstandsbereich Schule bei der GEW in Berlin