Endlich! Wenn am 6. November mit dem New-York-Marathon der letzte große Massenlauf vorbei ist, ist in meinem Facebook-Feed wieder Platz für die wichtigen Themen dieser Zeit: Clinton, Klima, Katzenbilder. Dann ist meine Timeline befreit von etwas, das sich im doppelten Sinne viral verbreitet: das Marathon-Über-Mich-Syndrom, kurz MÜMS.

Das MÜMS befällt einen kleinen, aber lauten Teil der vielen Marathon-Amateure, die es in Deutschland gibt. Es bricht schon Wochen vor einem 42-Kilometer-Lauf aus und wird zur Epidemie, je näher das Großereignis rückt. Erst wenn zwei Wochen später der Muskelkater überstanden ist und der Besuch beim Orthopäden seinen sozialmedialen Sexappeal verloren hat, klingt es ab.

Der Krankheitsverlauf ist folgendermaßen: Erst posten Marathonläufer bei Facebook ihre Starterlaubnis (dritter Versuch, sehr teuer), dann die Laufschuhe, dann die Trainingszeiten, die genauen Übungsrouten, dann die Startnummer. Eine Woche vor dem Lauf wird alles, was in der Welt passiert, vollkommen egal: Die MÜMSer posten in immer rascherer Folge den Countdown bis zum Start, dann das Zielfoto mit ihrer Zeit, dann, Höhepunkt!, ihr abgekämpftes Gesicht, gern mit Medaille oder Urkunde. Später darf man die Drinks vom Selbstbelohnungssaufen betrachten, dann Auszüge aus der Krankenakte. Eine kluge Beobachterin nannte das mal "exhibitionistische Demonstrativaskese".

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Erfahrene MÜMSer nutzen dabei Codes, die man erst nach Lektüre vieler Posts entschlüsseln kann: Wer den Marathon nicht unter vier Stunden schafft, postet "3:97:14" als Zeit. Wer sich durch den dritten Lauf gequält hat, camoufliert seinen Triumphalismus durch vermeintlich abgeklärte Botschaften wie: "New York: CHECK. Berlin: CHECK. Bad Salzuflen: CHECK." Wer schon 207-mal in seinen Posts "Ich" gesagt hat, sagt dann irgendwann "Du", obschon er "Ich" meint: "Danke für Deine Unterstützung, Heinz/Hugo/Hildegard" (gleich: Unterstützungsklatscher, Mitläufer, Ehepartner). In Wahrheit dankt ein Marathonläufer niemandem, er gratuliert sich selbst. Das ist so raffiniert wie die failure-Kultur amerikanischer Start-up-Millionäre, die mit großer Geste über ihre ersten sieben gescheiterten Firmen reden, in Wahrheit aber nur ihre eigene Großartigkeit feiern. Den Post, dass man nach zwölf Kilometern wegen defekter Knie aufgegeben hat, habe ich noch genauso wenig gesehen wie einen Vortrag, in dem ein Unternehmer erzählt, dass ihm nach neun Pleiten niemand mehr Venturecapital gibt.

Die Bewunderung des virtuellen Freundeskreises ist den MÜMSern sicher – der neue "Wow"-Button, den Facebook als Variante zum Like-Button eingeführt hat, scheint für diesen Zweck erfunden worden zu sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Sigmund Freud behauptete, dass eine Persönlichkeit durch Es, Ich und Über-Ich geprägt ist. "Es" nannte er die Triebe, "Ich" den kritischen Verstand, "Über-Ich" ein Korsett aus Normen, das der Einhegung und Mäßigung einer Person dienen soll. Wer vom MÜMS befallen ist, ersetzt das Über-Ich durch das über mich: Von Einhegung und Mäßigung keine Spur.

Manchmal, wenn ich mich durch MÜMS-Posts bei Facebook arbeite, frage ich mich, warum meine Freunde, die Volleyball oder Harfe spielen oder exzessiv Wagner hören, nicht so viel posten wie die Marathonläufer.

Dann müsste ich ja lesen:

*Tim, Tom, ich. Volleyballturnier Hamburg. CHECK! CHECK!!! (Darunter: drei Jungs, die in drei silberfarbene Medaillen beißen).

*Ich freue mich wahnsinnig, dass ich mit Hans befreundet sein darf. Nicht nur mein Kumpel seit Schulzeiten. Nach 17 Versuchen hat er endlich eine Karte für die Bayreuther Festspiele bekommen. Er wird Lohengrin sehen! Ich bin so stolz #bff (Darunter: ein angegilbtes Foto von zwei Steppkes, die sich im Arm halten).

*Take this, Tübingen! Eine Stunde Händel! Drei Stunden Mozart! #extremeharping #händelforever #ilovemozart.

Warum gibt es MÜMS, aber kein VÜMS (Volleyballspieler-Über-Mich-Snydrom), WÜMS (Wagner-Fans) oder HÜMS (Harfenisten), obwohl gut harfen zu können genauso viel Blut, Schweiß und Tränen erfordert wie ein Marathontraining?

Womöglich kompensieren die Läufer durch den sozialmedialen Exhibitionismus, dass Marathon eine supereinsame Egonummer ist. Klar, manche laufen mit Freunden; klar, es gibt Laufgruppen; klar, beim eigentlichen Lauf starten Tausende. Doch der Kern des Sports ist viel einsamer als, sagen wir, Handball- oder Skatspielen.