Vor den evangelischen Kirchen steht er, in Stein gehauen oder aus Erz gegossen. Im wallenden Predigertalar, das Haupt hoch erhoben, in der Hand das aufgeschlagene Buch. Das Buch. Die Schrift. Unverrückbar.

Da steht er, er kann nicht anders, Gott helfe ihm.

So hat er seinen Platz in Sinnen und Gemüt Unzähliger, die gar nicht so genau wissen, was sie ihm eigentlich verdanken, im Guten wie im Bösen.

Denn es gibt kaum jemanden, der durch so viele Metamorphosen gegangen ist, der sich so proteisch verwandelt hat. Sein Abbild zeugt davon. Der Mann wurde unzählige Male porträtiert, auch von den Großen seiner Zeit, Cranach zuvörderst. Und so tritt er uns auf den verschiedenen Stationen seines Lebensweges entgegen: ein lockiger Knabe, ein schmales Mönchlein, das eckige, eigenwillige Gesicht ekstatisch verklärt (ja, manche Flugblattschreiber verleihen ihm sogar einen Heiligenschein). Ein bärtiger, trutziger Kerl in seiner ihm aufgezwungenen Verkleidung als "Junker Jörg" auf der Wartburg. Ein selbstbewusster, Würde ausstrahlender Gelehrter, der weiß, dass er recht hat. Immer.

Und dann, im Lauf der Jahre, die ihm bleiben: schwammig, rechthaberisch, von Krankheiten gezeichnet ... Denn er war alles andere als der robuste Klotz, als der er da vor den Kirchentüren steht. Er war ein Schmerzensmann, von psychosomatischen und organischen Leiden geplagt, oft am Rand des Todes. Gott, sein Herr, hat ihm Ruhm und Würden nicht einfach geschenkt, sowenig wie Erkenntnisse.

Gehen wir behutsam seine Schritte mit ihm.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Da ist ein Elternhaus im Mansfeldischen, in Eisleben. Beileibe keine ärmliche Hütte. Wenn er selbst sagt, er sei "eines Bauren Sohn" gewesen, so ist das eine seiner Über- oder Untertreibungen. Der Vater war ein sozialer Aufsteiger, tätig im blühenden Bergbaugeschäft, Mitbesitzer mehrerer Schmelzöfen. Ein wohlhabender Mann. Was keinerlei Auswirkungen auf den Lebensstil der Familie hatte. Bei Luther daheim (zunächst noch Luder geheißen) war Schmalhans Küchenmeister, Geiz eine Form von Gier – und die wohl einzige Leidenschaft in diesem Haus.

Der prügelnde Vater, die kaltherzige Mutter: Selten ist ein hochbegabtes, sensibles Kind derart gefühlsarmen Umständen entsprossen. Ein Hochbegabter. Lateinschule, Studium. Der ehrgeizige Vater will einen Juristen aus dem Sohn machen, damit er denn bei Rechtsstreitigkeiten gleich einen Anwalt zur Hand habe.

Aber dann schert dieser Sohn aus. Er wendet sich Gott zu statt den weltlichen Dingen. In seinem Zorn hat der Vater, Hans Luder, misstrauisch, wie er war, von jeher das berühmte "Erweckungserlebnis" Martins angezweifelt. Dass der da, auf einem Feld, fast vom Blitz getroffen, der heiligen Anna gelobte, er wolle ein Mönch werden – ausgerechnet der Heiligen, die den Bergbau beschützt! –, das hat der Alte immer für einen Fake gehalten, ein "Gespenst", himmlische Berufung, vorgeschoben, um irdische Unbotmäßigkeit zu überdecken.

Aber wer da denkt, er, Martinus, habe nun Frieden gefunden, der irrt. Jetzt beginnt erst recht die Zeit der Qual.

Dem leiblichen Vater ist er entflohen. Gott, dem Übervater, entkommt er nicht. Die Zeit seines Mönchseins, geprägt von Fasten, Nachtwachen, Kasteiungen mannigfaltiger Art, steht unter der selbstzerstörerischen Frage: Bin ich Gott wohlgefällig? Liebt mich Gott, oder zürnt er mir wegen meiner Sünden?

Sein väterlicher Beichtiger, Teupitz, schilt ihn ob seiner "Puppensünden", versucht behutsam, das Übermaß an Buße auf ein verträgliches Maß zu reduzieren – vergeblich. Martins radikale Haltung führt zu den ersten Symptomen jener Krankheit, die ihn im Lauf seines Lebens immer wieder heimsuchen wird: Drehschwindel, Ohrgeräusche, Krampfanfälle, Ohnmachten. Für ihn, so wie für die Zeitgenossen, sind das die Machenschaften des Teufels, der ihn plagt. Wir Heutige wissen, dass es die Menièresche Krankheit ist, die psychische Ursachen hat.

Das Einzige, was ihm das Leben als Mönch überhaupt erträglich macht, so sagt er, ist das Psalmodieren. Der Gesang. Der ihn sein Leben lang begleiten wird. Singen in der Dunkelheit?