Vermutlich sind Sie mit dem Zug nach Bielefeld gekommen, oder mit dem Auto von der A 2. In beiden Fällen hat sich Bielefeld Ihnen gleich mal von seiner übelsten Seite gezeigt. Das ist eine Art prophylaktische Rache. Weil ja sein könnte, dass Sie sich mal an dem allgemeinen Gewitzel über Bielefelds angebliche Nichtexistenz beteiligt haben. Da ist die Stadt dann schon ein bisschen beleidigt und schlägt Ihnen zur Begrüßung vorsorglich eins auf die Fresse. Also atmosphärisch, mithilfe undefinierbarer Konglomerate von Autohäusern, Tankstellen, Burger-King-Filialen, Baumärkten und Kachelfassaden-Mietshäusern. Das ist Bielefelds Art, zu sagen: Mich gibt es sehr wohl, und zumindest was hässliche Außenbezirke betrifft, spiele ich schon mal ganz oben mit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Was Bielefeld seit Jahrzehnten bezüglich seines Images versucht und nicht schafft – sich hochzuarbeiten –, das können Sie heute ganz konkret tun. Um aus dem städtebaulichen Jammertal herauszugelangen, müssen Sie erst mal in Richtung Altstadt kommen. Gehen Sie zum Jahnplatz, biegen Sie ab in die Niedernstraße, und folgen Sie dem Verlauf der Fußgängerzone. Gleich wird es Ihnen vorkommen, als seien Sie mitten in Duisburg-Marxloh in ein Wurmloch gefallen, mit achtfacher Lichtgeschwindigkeit durch einen Sternentunnel geflogen und in Zürich wieder rausgepurzelt. Nicht dass die Bielefelder Altstadt besonders hübsch und gut erhalten wäre. Das ist sie seit dem Krieg eigentlich nur noch am Alten Markt, wo hinter den reich verzierten Weserrenaissance-Giebeln die Privatbank Lampe ihr Geld zählt. Aber Bielefeld ist reich. Das sieht man hier. Sie befinden sich in einer Manufactum-Version der deutschen Fußgängerzone: Hier gibt es sie noch, die gut sortierten Einzelhändler. Hier ist man versucht, statt "Shopping" wieder "Einkaufsbummel" zu sagen und, von allen Ketten befreit, tatsächlich mal wieder einen zu machen. Auch gastronomisch wird dieses Niveau gehalten, zum Beispiel im Numa mit seiner asiatisch-mediterranen Küche.

Dann sind es nur ein paar Hundert Meter und ein weiterer Sprung ins Wurmloch – und Sie landen in: New York. Gut, das ist wirklich übertrieben. Aber ein wenig MoMA-Fluidum wabert durchaus durch den Kunsthallenpark, wo Skulpturen von Rodin, Elíasson, Schütte und Serra stehen. Auch die Ausstellungen sind oft sehenswert, und das Kunsthallencafé ist ein Hort echter Weltläufigkeit. Wenn Sie aus der Kunsthalle treten und den Blick nach links wenden, sehen Sie allerdings, wo es herkommt (also das Geld dafür): Hier hat mitten in der Stadt die Oetker-Gruppe ihre Zentrale, die einen großen Teil der Kunsthalle finanzierte.

So, jetzt haben Sie noch zwei Möglichkeiten: Entweder Sie nehmen die entwürdigende Erfahrung auf sich, als erwachsener Mensch in eine Bimmelbahn auf Gummireifen zu steigen, die am Bunnemannplatz hält und Sie in den Tierpark Olderdissen fährt. Dort können Sie die Schönheit des Teutoburger Waldes und anhand liebevoll gestalteter und von Industriellen finanzierter Gehege weitere Beispiele Bielefelder Mäzenatentums kennenlernen. Oder Sie laufen entlang einiger prachtvoller Gründerzeitvillen hinauf zur einzigen postkartentauglichen Sehenswürdigkeit Bielefelds, der mittelalterlichen Sparrenburg. Jetzt sind Sie ganz oben. Und: Gibt’s ja gar nicht – eigentlich ganz schön hier.