Fünf Studententypen, die Ihnen zwischen Vorlesung und Mensa garantiert über den Weg laufen, vorgestellt vom Berliner Professor Porombka.

Die perfekt Vorbereiteten

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Eigentlich müssten wir Professoren uns über die perfekt Vorbereiteten freuen. Doch sie erinnern uns daran, dass wir wieder zu spät aus den Ferien gekommen sind. Ihr Vorsprung scheint riesig. Sie haben am Ende des letzten Semesters die Vorlesungsverzeichnisse für das nächste studiert. Sie haben die Texte gelesen, die wir nur aus Verlegenheit angegeben haben. Sie haben sich ein neues Etui mit einem Rennwagen drauf gekauft.

Auf ihrem Hausaufgabenheft haben sie ihren Namen in Schönschrift geschrieben. Sie haben sich auch schon zur ersten Sprechstunde eingetragen. "Was kann ich jetzt tun?!", rufen sie. Wir überlegen, ob wir sie bitten, unsere Aktentasche in den Hörsaal zu tragen. So ein Semester kann dauern, denken wir. In unserer Liga reicht es nicht, die ersten beiden Spiele zu gewinnen. Man muss einen langen Atem haben.

Wenn es auf Weihnachten zugeht, werden wir sie überholen. Ihr Rennwagenetui wird kaputt sein, ihr Hausaufgabenheft zerfleddert. Wir tragen unsere Aktentaschen wieder selbst. Und bis dahin wissen wir dann auch, was man wirklich lesen sollte, um perfekt auf unser Seminar vorbereitet zu sein.

Die Fehlenden

Die Fehlenden fehlen. Schon in der ersten Woche. Man merkt das. Ihre Stühle bleiben zwar nicht leer. Aber es bleibt eine Lücke. Die Fehlenden könnten gemeinsam mit den anderen die Texte lesen. Und sie könnten mit ihnen diskutieren. Es gäbe ein paar Ideen mehr, ein paar neue Thesen, ein paar originelle Fragen, eine grundsätzliche Kritik an allem und jedem. Aber sie fehlen. Wie blöd.

Es fehlt jemand, der weiß, was man machen muss, wenn der Beamer nicht funktioniert. Mittags fehlt jemand in der Mensa, mit dem man den Nachtisch teilen kann. Es fehlt jemand, der mit in die Cafeteria geht, wenn es in der Bibliothek zu langweilig wird. Es fehlt jemand, in den man sich verlieben oder mit dem man sich streiten kann. Die Fehlenden fehlen, wenn sie Korrektur lesen oder beim Schummeln in der Klausur helfen sollen.

Natürlich fehlt man auch den Professoren in der Sprechstunde, wenn es darum geht, mal ernsthaft über Fachfragen zu diskutieren, statt bloß Punkte und Noten zu verwalten. Die Fehlenden fehlen, wenn man das Ende des Semesters feiern will. Oder wenn man sich am Anfang des neuen Semesters wiedersieht. Ihr Fehlenden fehlt uns wirklich. Schon in der ersten Woche. Das solltet Ihr wissen.

Die Überforderten

Wenn die erste Sitzung im Semester beginnt, ist für die Überforderten bereits alles zu spät. Sie müssten in Raum 105a im F-Gebäude. Dies ist aber Raum 105f im A-Gebäude. Zugelassen sind hier nur Studierende, die sich online eingetragen haben, wenn sie zwei der drei mit einmal drei und zweimal zwei Creditpoints bewerteten Seminare im Zweier-Einführungsmodul abgeschlossen haben.

Wobei man, wenn man nach der alten Studienordnung studiert, noch einen Punkt über die Klausur im Dreier-Modul bekommt, was die Überforderten aber nicht genau wissen, weil es für sie wohl noch eine mittlere Studienordnung gibt, die neben der Klausur einen Schein aus dem Zweier-Modul fordert, den man bei der Studiendekanin stempeln muss, die aber nicht im Büro ist, weil sie gerade selbst unterrichtet, da vorne ist sie ja, was für ein Zufall. Aber sie ist hier auch falsch, weil sie im Raum 105b im C-Gebäude sein müsste.

Sie ist so überfordert, dass sie wie all die anderen von dieser ersten Semesterwoche Überforderten im völlig überfüllten Raum einfach sitzen bleibt und mit dem Seminar eines anderen beginnt, der seinerseits den Raum 105f im A-Gebäude nicht gefunden hat und jetzt wer weiß wo wer weiß wen unterrichtet. "Adorno sagt", sagt die Dozentin, "es gibt kein richtiges Leben im falschen." Und alle nicken.