Es bedarf einer Legitimation, wenn ausgerechnet ein Philosoph über Sex schreiben will. Ist die Philosophie nicht die asexuelle Disziplin schlechthin? Im Gegenteil: Sie hat sich von Anfang an mit Sexfragen beschäftigt. Das große Nachdenken ist aus einem "Sexout" erst hervorgegangen. Den erlebte Sokrates, dessen Ehefrau Xanthippe nichts mehr von ihm wissen wollte. Es ist nicht überliefert, was Sokrates selbst zu dieser Situation beitrug, an der immer zwei, mindestens zwei, beteiligt sind. Überliefert ist jedoch, dass er daraufhin das Gespräch mit der Hetäre Aspasia suchte, die sich in derlei Dingen auskannte. In Platons Dialog Menexenos rühmt Sokrates sie als seine Lehrerin, die ihm riet, sich ganz aufs Denken zu verlegen und aus körperlichen Gelüsten geistige zu machen, sie also zu sublimieren. Sokrates hielt sich daran. Der Rest ist Philosophiegeschichte.

Der Übergang von einem enttäuschenden Sexout zum beglückenden Nachdenken ist mir nicht unbekannt. Als ich nach einem Begriff für das Aussetzen von Sex suchte und schließlich auf den Sexout kam, bewegte mich jedoch, angeregt durch viele Gespräche, die große Zahl derer, die über fehlenden Sex klagen. Auch Umfragen belegen, wie abwesend Sex in vielen Beziehungen ist. Seit 2008 werden in der größten Langzeitstudie Deutschlands zu Partnerschaft und Familie, Pairfam, Jahr für Jahr 12.000 Menschen unter anderem zu diesem Thema befragt. Nicht überraschend ist, dass die Häufigkeit von Sex und die sexuelle Zufriedenheit in den ersten neun Monaten am oberen Limit sind. Zehn Jahre später aber tendiert das Niveau bei vielen Paaren in Richtung null. Sex wird zur Frage: Was darf ich hoffen?

Sexout heißt nicht einfach nur, keinen Sex zu haben. Wer ohne Sex gut leben kann, vielleicht sogar froh ist, die damit gelegentlich verbundenen Schwierigkeiten los zu sein, erleidet keinen Sexout. Sexout heißt vielmehr, keinen Sex zu haben und darin ein Problem zu sehen. Häufig ist es das Problem desjenigen in einer Beziehung, der sich Sex wünscht, während der andere sich keinen wünscht.

Sind die beflügelnden Hormone abgeflaut? Wurde man sich zu vertraut? Ist etwas anderes wichtiger geworden, die Arbeit, die Kinder? Oft ist es so, dass einer der Beteiligten einige Male versucht, dem anderen näherzukommen, und zurückgewiesen wird. Sehr bald führt dies dazu, dass der Betroffene sich die Demütigung erspart und sich Alternativen zuwendet: Auch Sport ist eine Form von Sex. Die Vertiefung in den Beruf ist es, auch unfreiwillig. T-Shirt über einer Frauenbrust: "Ich brauche keinen Sex – die Arbeit fickt mich".

Eine ungute Spirale beginnt sich zu drehen: Weil es in der Beziehung keinen Sex mehr gibt, entsteht Stress. Weil Stress entsteht, gibt es keinen Sex mehr. Die Spirale wäre leicht zu stoppen, wenn auf die immer zaghafteren Anfragen des einen nicht immer wieder Abweisungen des anderen folgen würden. Die Voraussetzung dafür wäre jedoch das Wohlwollen füreinander.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Das Wohlwollen des einen könnte darin bestehen, die Lustlast zu übernehmen, sich also etwas einfallen zu lassen, um dem anderen Lust zu machen, sodass es ihm leichtfällt, zuzustimmen. Die Erotik könnte dabei ihre Wiederkehr erleben, das Spiel mit Möglichkeiten, mit Blicken, Gerüchen, Gesten, Worten, um den anderen in Stimmung zu bringen. Der andere könnte sein Wohlwollen zeigen, indem er es dem, der die Initiative ergreift, nicht zu schwer macht und ihn gewähren lässt: "Ja heißt ja!"

Eine weitere Möglichkeit wäre, aus dem Sex ein Ritual zu machen, über das nicht jedes Mal mühsam neu entschieden werden muss. So wie keiner lange darüber nachdenkt, ein Frühstück zu sich zu nehmen, könnte auch ein Spätstück eingerichtet werden oder ein frühes Frühstück der anderen Art.

Voraussetzung für das Wohlwollen aber ist, dass jeder der Beteiligten ein gutes Verhältnis zu sich selbst hat. Schon Aristoteles war überzeugt, dass einer sich dem anderen am besten zuwenden kann, wenn er sich selbst mag. Die Zuwendung zu einem anderen muss glaubhaft und wahrhaftig sein. Und sie braucht einiges an Wissen, das theoretisch, und Können, das praktisch zu erwerben ist. Erotik und auch Sex wollen gelernt sein.

Nie war der Sex so gut erforscht wie heute. In der Praxis fehlt es jedoch oft an rudimentären Kenntnissen schon der Anatomie, etwa was eine Klitoris ist und wie weit ihre Nervenenden im Körper verzweigt sind oder was Damm und Hoden für die männliche Erregung bedeuten. Es bedürfte des wechselseitigen Austauschs, aber ein Mann weiß meist wenig bis nichts davon, wie es sich anfühlt, Brüste, Vagina, Uterus zu haben und einen anderen Körper in sich zu spüren. Eine Frau weiß meist wenig bis nichts davon, wie es sich anfühlt, einen Penis zu haben und von Testosteronschüben in Hirn und Körper heimgesucht zu werden.