Nur selten laufen Menschen in Deutschland Gefahr, aufgrund schlechter Lebensumstände zu verhungern. Daher unterscheidet man nicht nur die absolute von der relativen, sondern auch die objektive von der subjektiven Armut. Und gerade da gibt es Riesenunterschiede: Nur 30 Prozent derer, die sich selbst unter der Armutslinie einordnen, sind objektiv arm. Armut ist also auch eine persönliche Erfahrung, die sich nicht unbedingt mit objektiven Kriterien messen lässt. Selbst wenn man nicht betroffen ist, kommt das Subjektive als Angst vor Armut oder vor dem sozialen Abstieg zum Tragen. Die Vermächtnisstudie zeigt, wie diese Angst die Menschen lähmen kann – und dass man ihr entgegenwirken sollte.

Die Studie erlaubt einen Vergleich von drei Ebenen. Die über 3.000 repräsentativ ausgewählten Personen wurden nicht nur gefragt, wie sie heute leben. Sondern auch, wie die Menschen in Zukunft leben sollten und ob diese Empfehlung tatsächlich so eintreten wird. Der Vergleich zeigt, was die Befragten aus ihrem heutigen Leben in der Zukunft bewahrt sehen wollen und was nicht – das "Vermächtnis" – vor dem Hintergrund dessen, was sie tatsächlich erwarten.

Die Wohnung als Ort der Beständigkeit: Menschen mit Abstiegsangst haben ähnliche Erwartungen wie Menschen ohne diese Sorge.

Quelle: Vermächtnisstudie, 3104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT-Grafik

Welche Auswirkungen hat Abstiegsangst auf das Vermächtnis? Bei der Frage danach, wie sehr das eigene Zuhause ein Ort der Beständigkeit ist, unterscheiden sich jene, die sozialen Abstieg fürchten, kaum von jenen, die diese Angst nicht haben (obere Grafik). Geht es aber um das Vermächtnis, driften die Gruppen auseinander: Die Angstvollen empfehlen den nachfolgenden Generationen stärker, in ihrem Zuhause einen Ort der Beständigkeit zu suchen und nicht ständig umzuziehen. Einig sind sich beide Gruppen indes darüber, dass man in Zukunft kein beständiges Zuhause haben wird – den einen gilt dies als Drohung, den anderen als Chance.

Feste Arbeitszeiten: Klassische Erwerbsarbeit gilt insbesondere bei Menschen mit Abstiegsangst als Garant eines sicheren Lebensverlaufs.

Quelle: Vermächtnisstudie, 3104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT-Grafik

Beim Thema Arbeit zeigen sich die Folgen der Abstiegsangst noch deutlicher. Zwar gilt die klassische Erwerbsarbeit weithin als Garant eines sicheren Lebensverlaufs. Doch bei denjenigen mit Abstiegsangst liegen die Werte noch einmal höher (untere Grafik). Bei der Frage danach, ob man zukünftig eine Arbeit mit festen Arbeitszeiten haben sollte, steigt die Differenz auf immerhin 15 Prozentpunkte. Einig sind sich die Gruppen wiederum darüber, dass es in Zukunft wohl kaum mehr feste Arbeitszeiten geben wird. Die Angstvollen empfehlen den nachfolgenden Generationen trotzdem, wie sie selbst feste Arbeitszeiten anzustreben. Jene, die keine Abstiegsangst haben, nähern sich in ihrer Empfehlung hingegen dem an, was sie für die Zukunft erwarten: Achtet nicht so sehr auf feste Arbeitszeiten – es könnte anders kommen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

In beiden Gruppen ist der Unterschied zwischen den Empfehlungen für die Zukunft und den tatsächlichen Erwartungen eklatant. Diejenigen ohne Angst vor Abstieg scheinen jedoch zu wissen, dass man sich auf Veränderungen einstellen muss. Daran muss die Politik anknüpfen: Welche Form der sozialen Grundsicherung etwa braucht es, damit man sich den Unsicherheiten des Lebens ohne Angst stellen kann? Fragen wie diese müssen beantwortet werden, denn Abstiegsangst ist gefährlich. Wo ein offensiver Umgang mit der Welt notwendig wäre, führt sie zum Rückzug auf Sicherheiten, die längst verloren sind.