"Es sind nur etwa fünf Kilometer", sagt die eine Romanfigur zur anderen. "Manche sollen es schwimmend geschafft haben, andere sollen ertrunken sein." Eine Flüchtlingsgeschichte! Man sei von den Schleppern schon erwartet worden: "Sie wollten uns über die Grenze bringen, wir müssten nur bei Dunkelheit über die Felder laufen (...). Aber dafür hätten sie uns das letzte Hemd abgeknöpft."

Klingt nach Tagesschau, und doch kann Akos Doma hier in eigenen Erinnerungen gekramt haben. Der Weg der Wünsche ist ein historischer Roman. Er spielt 1972, und der Autor könnte Ähnliches erlebt haben wie die von ihm erfundenen Figuren. Doma, 1963 in Budapest geboren, emigrierte über Italien und England nach Deutschland und lebt hier seit seinem fünfzehnten Lebensjahr. Sándor Márai, László F. Földényi und Péter Nádas hat er ins Deutsche übersetzt, Der Weg der Wünsche ist sein dritter Roman. Warum stand der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises? Weil er so gut ist? Vielleicht wollte die Jury, zum Zeitgenossenschaftsnachweis, einfach nur einen Flüchtlingsroman nominieren.

Den VW Käfer bis unters Dach beladen, fahren Térez und Károly von Budapest nach Westen. Auf dem Rücksitz: die Kinder, der siebenjährige Misi und seine Schwester Borbála, die mit ihren 15 Jahren noch Schwierigkeiten machen wird. Bleierne Zeit auf Ungarisch: die Wohnung zu klein, das Tischtuch zu löchrig, die Gesellschaft zu verkommen. Nur wer in der Partei ist, also verlogen, opportunistisch und feige, hat hier noch Aussichten. Térez und Károly sind nicht in der Partei. Der Nachbar arbeitet beim Innenministerium und hat schon ein Auge auf ihre Wohnung geworfen. Der Plan steht, als Károly das Angebot bekommt, in Deutschland zu arbeiten.

Die Handlung folgt der Fluchtroute, aber leider ist Deutschland noch zähe 300 Seiten weit weg. Erst das Flüchtlingslager bei Triest, dann eines bei Neapel. Das Warten, die Taschendiebe, das Knausern, die Ratten, die ewige Enge. Beengtheit ist das Leitmotiv dieses mit Redundanzen nicht geizenden Romans. Bald wird klar, dass es im Westen auch nicht besser ist. Schlimm sind die langhaarigen Hippies. Wie der Vietnamkrieg und der Kapitalismus, der als Synonym für Amerika taugt. Im Rückblick erscheint selbst die winzige Wohnung in Budapest noch besser als alles, was jetzt durchgestanden werden muss.

Beengtheit ist für Doma aber auch ein handwerkliches Problem. Etwa wenn er die Charakteristika seiner Figuren nicht anders unterzubringen weiß als in der Figurenrede. Dann muss der Onkel Sätze wie "Mit meinen sechsundsechzig Jahren bin ich noch nie aus dieser Stadt herausgekommen" sagen. Und während sich der Leser durch die Dialoge kämpft, wird sein Vorstellungsvermögen durch Unwahrscheinliches strapaziert: Vom Wohnzimmer der Budapester Großmutter heißt es zum Beispiel, dass darin eine Biedermeiercouch, eine Chaiselongue, ein Diwan und eine Récamière gestanden hätten – also vielleicht ein paar Sofas zu viel?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 45 vom 27.10.2016

Der Roman ist von Figuren aus dem Klischeebaukasten bevölkert. Als zum Beispiel die ungarische Stasi einen Agenten ins Flüchtlingslager schickt, um Borbála zu verführen und zurückzuholen, wird dieser Spitzel als Hütchenspieler (!) eingeführt. Und so richtig ärgerlich gerät diese Rückblende ins Jahr 1945: Als der Krieg gerade vorbei ist, wird Térez zum Opfer einer Gruppenvergewaltigung, die der sonst durchaus zur Weitschweifigkeit neigende Akos Doma auf dürren zehn Zeilen abhakt. Die Vergewaltiger sind amerikanische Soldaten – und wohl ein Hinweis darauf, dass der Weg der Wünsche auch deshalb so steinig ist, weil er nach Westen führt. Domas bildungsromanhafte Pointe: "Jetzt wusste sie es, jetzt war auch sie erwachsen." Auf der Shortlist zum Frankfurter Buchpreis fehlte dieser Roman dann übrigens. Das muss man der Jury zugutehalten.

Akos Doma: Der Weg der Wünsche. Rowohlt, Berlin 2016; 336 S., 19,95 €, als E-Book 16,99 €