Ja, das ist ein voll okayer, ein prima Film geworden. Aber hätte bei diesem Stoff, der die bundesrepublikanische Gesellschaft in der unmittelbaren Gegenwart abholt, da, wo sie am verletzlichsten, aufgeregtesten und unsichersten ist – eine Münchner Familie nimmt einen Flüchtling aus Nigeria bei sich auf und gerät dabei an ihre Grenzen –, nicht viel mehr als etwas Okayes, also ein grandioser, wilder, provokanter, im besten Sinne unkorrekter Film entstehen müssen? Billy Wilder – Entschuldigung, jetzt greifen wir zu den wirklich unnachahmlichen Meisterwerken des Genres – hatte vor Jahrzehnten, in A Foreign Affair (1948) und Eins, Zwei, Drei (1961), vorgeführt, dass es möglich ist, die noch offene, noch unbewältigte politische Gegenwart in Drehbücher zu übersetzen und dabei grandios durchgedrehte, so rasend komische wie anrührende Filme zu machen.

Simon Verhoeven, 44, Sohn der Münchner Film-Prominenten Senta Berger und Michael Verhoeven: Mit den Männerherzen-Filmen hatte er bewiesen, dass er kommerziell sehr erfolgreiche Filme für die ganze Familie drehen kann. Und als Drehbuchautor und Regisseur der als Kinohit für die ganze Familie konzipierten Komödie Willkommen bei den Hartmanns macht er zunächst das einzig Richtige: Er setzt seine Handlung in jenem deutschen Milieu an, das er am besten kennt – bei einer großbürgerlichen Familie, die im Münchner Vorort Harlaching in einer Villa wohnt. Die Hartmanns sind keine lieben Lindenstraßen-Menschen, auf die wir gütig lächelnd herabblicken können – es sind wir gemeint, die Akademiker, Feuilleton-Leser, Bioladen-Einkäufer, die scheinbar so weltoffene und liberale Meinungsführerschaft des Landes, die während der sogenannten Flüchtlingskrise tief verunsichert wurde und viel lernen musste und daher wohl auch am besten für eine Komödie taugt.

Es ist daher produktiv und interessant zu sehen, dass die Hartmanns in vieler Hinsicht Ähnlichkeit mit jener Münchner Vorzeigefamilie haben, den für ihre Liberalität und großbürgerliche Grandezza bekannten Verhoevens. Die Rolle der Familienmutter Angelika Hartmann hat der Regisseur gleich mit seiner Mutter Senta Berger besetzt, Heiner Lauterbach als Vater Hartmann ist, wie Simon Verhoevens Vater im Nebenberuf, Arzt in einer Klinik.

Für das große Komödien-Karussell, das sich auf dem Kinoplakat schön abbilden lässt, ist ein All-Star-Team des deutschen Kinos besetzt, Florian David Fitz und Palina Rojinski als erwachsene Kinder, Elyas M’Barek als charmanter Arztkollege von Lauterbach, Uwe Ochsenknecht als schmieriger Schönheitschirurg, es fehlt nur noch Matthias Schweighöfer in einer lustigen Nebenrolle. Immerhin, für den Part des nigerianischen Flüchtlings haben die Caster einen unbekannten, des Deutschen nicht mächtigen Nichtschauspieler in Belgien gefunden (Eric Kabongo), man hört, was seiner Rolle guttut, dass er sein gebrochenes, dabei erstaunlich niveauvolles Deutsch lediglich phonetisch nachspricht. Der Flüchtling wird während der gesamten, ganz schön irren Handlung des Films trotz seiner naturgemäß albtraumhaften Flüchtlingsvergangenheit (Flucht vor Boko Haram über Libyen auf einem Boot nach Italien) einen erstaunlich lieben, naiven und untraumatisierten Eindruck machen.

Natürlich, für diesen Stoff, den Einbruch der Flüchtlingsthematik in die deutsche Gesellschaft, hätte es mehr als einen guten Drehbuchschreiber gebraucht, der sich am oft so biederen deutschen Komödienstandard messen lassen kann. Gibt es diese Autoren in Deutschland vielleicht einfach nicht? Für Verhoevens Talent spricht, dass er zu einem frühen Zeitpunkt, im Frühjahr letzten Jahres, also vor jenem historischen 4. September 2015, seit dem Deutschland unkontrolliert Flüchtlinge über die Grenzen ließ, mit der Entwicklung seines Stoffes begann. Die Gegenwart hat seither mehr Stoff (Aufstieg der AfD, Burka-Debatte, verhinderte Islamisten-Anschläge) und irre Pointen geliefert, als das beste Drehbuch fassen kann.

Verhoeven gelingen komödiantische Szenen, die ganz der Absurdität der jüngsten deutschen Geschichte entnommen sind: So stellt sich beim Flüchtlings-Casting, das das Ehepaar Hartmann veranstaltet, ein gut vierzigjähriger Afrikaner als unbegleiteter Minderjähriger vor. Das Zeug zum Klassiker, der bei deutschen Abendessen rezitiert werden wird, hat Papa Lauterbachs Frage an einen Flüchtlingshelfer: "Kann man sich da einen aussuchen?" (Die Antwort des Helfers: "Wir sind hier nicht im Tierheim, Herr Hartmann.") Immer, wenn sich Verhoeven eine screwballartige Übertreibung zutraut, die oft doch nur ein Abbild der Wirklichkeit ist – im Flüchtlingsheim wird eilig ein hingeschmiertes Hakenkreuz vom Container geschrubbt, im Garten der Hartmanns steht nach einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Willkommensparty für den Flüchtling ein Zebra –, wird es lustig. In den starken Momenten begegnet der Zuschauer jenen gutmeinenden, von der Flüchtlingskrise merkwürdig hysterisierten Vertretern der Willkommenskultur, mit denen wir alle im vergangenen Jahr zu tun hatten (wunderbar die Schwabinger Hippie-Freundin von Mama Hartmann, die sich mit "ihren" Flüchtlingen schmückt). Im Laufe des Film verliert sich Verhoeven allerdings immer mehr im Ausmalen seiner Filmfamilie (Mama trinkt zu viel, Papa hat Probleme beim Älterwerden, Fitz macht Karriere in China und vernachlässigt seinen Sohn, Rojinski und M’Barek werden ein Liebespaar), anstatt sich, einfach, um seinen wichtigsten Protagonisten zu kümmern. Moment, möchte da der Zuschauer ausrufen, der Witz ist doch der Flüchtling!

Willkommen bei den Hartmanns leidet, wie das deutsche Kino so oft, an einer letztlich braven Figurenzeichnung und einem übersteigerten Realismus, es fehlen die Härte, Schärfe, Bösartigkeit, der punk, der eine Komödie zum Fliegen bringt. Aber lässt sich nicht schon bei Billy Wilder lernen, dass eine Komödie eine irre Kunstsprache und irre Kunstwelt entwerfen muss, um die irre Gegenwart in den Griff zu bekommen?