Die Welt verändert sich auf Seite 33, mitten in einem unscheinbaren Absatz. Aber das geschieht so unmerklich, dass man diesen Moment zwar erahnt, jedoch zunächst überliest. Gleich darauf allerdings, als eine Seite später die dramatische Konstellation völlig klar ist, muss man unweigerlich zurückblättern, um jenen entscheidenden Satz zu suchen, mit dem alles beginnt, und ihn noch einmal lesen: "Jenseits des Feldes nähert sich aus Richtung der Stadt ein Reiter in vollem Galopp." Diesen schlichten Satz hat der Autor zudem geschickt getarnt, durch die vorherigen ruhigen Wendungen – "Weiteres Geplänkel. Wir verstummen. Das Feld hat sich nahezu geleert; die Pferde wurden in die Ställe am Randes des Platzes geführt." – und jenen Satz danach: "Träge schauen wir ihm zu." Die Zeit scheint stillzustehen, als der Reiter an diesem Märztag des Jahres 44 v. Chr. plötzlich vor einem griechischen Hügel auftaucht. Er bringt die Nachricht von der Ermordung Julius Caesars. Mit dieser erst spannungsvoll verlangsamten, dann allmählich sich beschleunigenden Szene hat der Schriftsteller John Williams etwas geschaffen, was kein Leser je vergessen wird.

Die Nachricht von Caesars Tod gilt dessen 18-jährigem Neffen und Adoptivsohn Octavius, dem Jahre später der Ehrentitel Augustus verliehen werden wird, der mit drei Freunden in Griechenland bei den dort stationierten Legionen seine militärische Ausbildung vervollkommnen soll. Der eine von den drei Freunden, der besagte Szene überliefert, berichtet dabei auch, wie jener Moment aussieht, als der junge Römer nunmehr seine welthistorische Mission spürt: "Der Ring der Offiziere öffnet sich für ihn, und er geht den Hügel hinunter. Lange sehen wir ihm nach, eine schlanke, jungenhafte Gestalt, die über das verlassene Feld geht, langsam, mal hierhin, mal dorthin, als versuche sie, den richtigen Weg zu finden."

John Williams’ Roman Augustus ist ein atemberaubendes Buch. Das gilt für die Perfektion seines realistischen Erzählens ebenso wie für die Wahl dieses besonderen historischen Stoffes, für die gelungene Komposition, vor allem aber für die ungewöhnliche Form dieses Romans. Man muss diesen 1922 in Texas geborenen, 1994 in Arkansas verstorbenen amerikanischen Autor, der erst in den vergangenen Jahren Weltruhm erlangte, einfach bewundern. Denn unter den nur vier Romanen, die dieser in Denver lehrende Literaturdozent in seinem Leben schrieb, sind drei Meisterwerke. In Stoner von 1965, mit dem er in Deutschland 2012 zum Bestsellerautor wurde, erzählt er das alltägliche Drama im Leben eines amerikanischen Uni-Dozenten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In Butcher’s Crossing von 1960 geht es um eine höllische Büffeljagd in den Rocky Mountains während der 1870er Jahre – eine existenzielle Parabel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Sein vierter und letzter Roman war Augustus, der einzige Erfolg des Autors zu Lebzeiten, für den er 1973 den National Book Award bekam und der jetzt im Zuge der Williams-Renaissance erstmals auf Deutsch vorliegt. Scheinbar etwas gänzlich anderes wird hier erzählt: Der Held ist diesmal kein Normalsterblicher, sondern eine der großen Gestalten der Weltgeschichte, aus einer 2000 Jahre zurückliegenden Epoche. Aber John Williams hat keinen herkömmlichen Historienschinken geschrieben, sondern er benutzt Augustus mit seinen kalten, tiefblauen Augen vielmehr dazu, um ewige Probleme darzustellen: den Preis historischer Größe, die Einsamkeit und Melancholie der Macht, den eigentümlichen Willen, sein Schicksal zu erkennen und dieses als dessen Werkzeug zu vollstrecken. All das passiert in einem klaren, reduzierten existenzialistischen Sound.

Bei solch schwerer Last ist die Form entscheidend, damit das Gebäude nicht zusammenstürzt. Williams hat sich hier einen genialen Kunstgriff einfallen lassen: Er kreiert eine spezielle Art des Briefromans, großartig übersetzt von Bernhard Robben. Diverse Schreiben hat er sich ausgedacht, dazu Tagebuchfragmente, Beschlüsse des römischen Senats, Schmähgedichte, Erinnerungen, Entwürfe für damalige Autobiografien und vieles mehr. Wie in einem Kaleidoskop spiegelt sich in diesen durchweg fiktiven Dokumenten die römische Epoche zwischen 45 v. Chr. und 14 n. Chr., dem Todesjahr von Augustus. Williams lässt das Personal einer Ära darin auftreten, es gibt etwa Briefe der Dichter Ovid, Horaz und Vergil, des Intellektuellen Nikolaos von Damaskus und Strabos von Amasia, von Caesar und Cicero, von der ägyptischen Königin Cleopatra an ihren Geliebten Marcus Antonius, den großen Gegenspieler von Octavius. Für jede Figur, jede Textgattung erzeugt der Autor einen wesentliche Charakterzüge stilisierenden, oft witzigen Tonfall, der übrigens gekonnt weder falsch antikisierend noch nervig modernistisch klingt ("Bloß kein Henry Kissinger in einer Toga", notierte Williams einmal während der Schreibarbeit). Folgerichtig gibt es bereits ein exzellentes Hörbuch von Augustus, gelesen von mehr als 30 renommierten Sprechern (Der Hörverlag, 14 h., 23,– Euro).