Wäre der Job eine Ehe – sie wäre längst geschieden. Neun von zehn Beschäftigten in Deutschland machen Dienst nach Vorschrift oder haben innerlich gekündigt, das haben die Umfragen des Forschungsinstituts Gallup ergeben. Die meisten sitzen ihre Zeit ab und bekommen am Monatsende ihr Geld, warten aufs nächste Wochenende oder planen ihren Ruhestand.

Hatte Beruf nicht ursprünglich etwas mit Berufung zu tun? Der Arzt wollte einmal Leben retten, doch heute schiebt er Doppelschichten im unterbesetzten Krankenhaus. Der Anwalt wollte für Gerechtigkeit kämpfen, doch nun hockt er in der Rechtsabteilung eines Konzerns. Statt mit seinen Erfindungen die Welt zu verbessern, erledigt der Ingenieur die Auftragstüfteleien im Rahmen seines Budgets. Und der Vertriebsmitarbeiter löst nicht mehr die Probleme seiner Kunden, sondern erfüllt die Zielvorgaben der Umsatzplanung.

Begeisterung? Leidenschaft? Kreativität? Verschwunden.

Vor allem große Organisationen verwandeln selbst die leidenschaftlichsten Zeitgenossen konsequent in Zyniker. Das Streben nach effizienten Prozessen und niedrigen Kosten vertrage sich nicht mit der sprunghaften und unberechenbaren Natur des Menschen, sagt der Managementberater Reinhard Sprenger: "Kreativität hängt vom Zufall ab. Sie ist nicht planbar, das ist ihr Wesenskern. Was aber ist das Wesen eines Unternehmens? Dass es Arbeitsprozesse organisiert, plant und steuert. Dass es den Mitarbeitern Ziele setzt, an denen sie sich orientieren sollen. Dass es Budgets plant und Stellenbeschreibungen entwickelt. Das geht nicht zusammen."

Langsam beginnen Konzernspitzen zu verstehen, dass die Umstände von Arbeit auf deren Ergebnis einwirken. Sie experimentieren mit alternativen Formen des Miteinanders oder schaffen ungewöhnliche Arbeitsorte und Arbeitsweisen, um die schädlichen Nebenwirkungen großer Organisationen so klein wie möglich zu halten. Und einige betreiben dabei einen erstaunlichen Aufwand.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Samsung zum Beispiel. Man hätte das nicht unbedingt erwartet, denn der Elektronikkonzern macht derzeit vor allem durch brennende Smartphones auf sich aufmerksam. Seine Geschichte ist eine von Befehl und Gehorsam, von strenger Hierarchie und einem verschwiegenen Familienclan, dem in seiner südkoreanischen Heimat sogar die Regierung zu Füßen liegt. Für die Armee der Konzernsoldaten existiert seit Langem sogar ein eigener Gattungsbegriff: Samsung Men.

Umso erstaunlicher ist, was derzeit im kalifornischen San José geschieht. An der Adresse 3655 North 1st Street lässt Samsung Halbleiter und Displays für den amerikanischen Markt entwickeln. Schon äußerlich hebt sich das Gebäude von anderen im Silicon Valley ab. Statt der üblichen riesigen Parkplätze blickt man überall auf Blumenbeete und kleine Gärten. Links vom würfelförmigen Haupthaus plaudern Menschen auf der Terrasse eines mit Holz verkleideten Restaurants. Weiße Sonnenschirme spenden ihnen Schatten. In der Nähe sind die Handwerker bald mit einem kleinen Café fertig. Jeder darf auf einen Double Espresso vorbeikommen. Denn das hier ist zwar ein Ort der Arbeit. Aber auch einer der Begegnung.

Die Koreaner meinen das ernst. Um ihre Leute im Silicon Valley auf gute Ideen zu bringen, haben sie die alte Niederlassung abreißen und durch einen Neubau ersetzen lassen, in dem die Arbeit von Gehirnforschern und Kulturanthropologen ebenso steckt wie aufwendige Datenanalysen. Herausgekommen ist eine neue Art von Bürogebäude für bis zu 2.000 Beschäftigte – eine 300 Millionen Dollar teure Wette auf den Faktor Mensch.