Weißt du, wie viel Sternlein stehen ...? Und weißt du, wie viele Filme Woody Allen gemacht hat? Seit seinem allerersten Film The Laughmaker aus dem Jahr 1962 fast jedes Jahr einen, also an die fünfzig. Natürlich sind manche dabei, die alt geworden sind und Witzen gleichen, über die man einstmals gern gelacht hat. Erstaunlich viele jedoch sind schon jetzt in die Filmgeschichte eingegangen, ob Stardust Memories (1980) oder Zelig (1983), Hannah und ihre Schwestern (1986) oder Match Point (2005), Ich sehe den Mann deiner Träume (2010) oder Midnight in Paris (2011). Und es wirkt so, als würde Woody Allen mit wachsendem Alter – er ist jetzt 80 – immer noch leichtfüßiger und sorgloser, als wären ihm handwerkliche Regeln völlig egal. Die beherrscht er so gut, dass er sie gewissermaßen nur zitieren muss.

Café Society spielt in den dreißiger Jahren und erzählt die Geschichte des jungen Bobby Dorfman aus New York, der seinen Onkel in Hollywood besucht, um dort einen Job zu kriegen. Stattdessen verliebt er sich in dessen Sekretärin Vonnie, die dummerweise die Geliebte des Onkels ist. Dieser, verheiratet und Familienvater, schwankt zwischen Pflicht und Neigung, und während seines Schwankens wendet sich das Mädchen Bobby zu, der ihr die Ehe anträgt. Sie willigt halbherzig ein, entscheidet sich jedoch, als der Onkel zurückschwankt, für dessen Geld und Ansehen, da Bobby vorerst noch ein unbeschriebenes Blatt ist. Das ändert sich nach seiner Heimkehr, denn Bobbys Bruder, Nachtclubbesitzer und Gangster in New York, wird verhaftet und wegen Mordes zum Tod verurteilt. Bobby führt den Club erfolgreich weiter, heiratet eine schöne Blondine und wird Vater. Am Ende begegnen sich Vonnie und Bobby abermals, und beide spüren voller Trauer, dass ihre frühere Liebe nicht erloschen ist.

So weit eine herzlose Kurzfassung. Aber auch Woody Allen ist in gewisser Weise herzlos. Nicht allein, dass er jene Handlungsstränge, die zur Gangstergeschichte gehören, auf rüde Weise und wie im Zeitraffer abkürzt, um das Tempo zu erhöhen – auch die Liebesgeschichten, die ja allesamt dem klassischen Klischee folgen, führt er als pures Klischee vor.

Der Film ist ein grandioser Bilderbogen begehrenswerter Frauen und begehrenswerter Limousinen, wir sehen den Luxus der Hollywoodvillen in exquisiten Einstellungen, den Strand von Malibu im Abendlicht. Wir erleben glanzvolle Partys, hören das eitle, boshafte Gerede, und die Zigarette, die einst die Filmszenen rhythmisierte, gewinnt ihre alte Bedeutung für einen Augenblick zurück. Man merkt, dass Woody Allen dieses Westküstengetue unter Palmen und ewiger Sonne nicht mag. Er stellt es bloß, während er die jüdische Familie in New York, aus der Bobby stammt, mit liebevollem Sarkasmus zeigt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Doch wirklich ernst ist ihm das Ganze nicht, es kommt daher wie ein spöttisches Zitat. Die Schauspieler wirken, als würden sie Schauspieler spielen, die eine altbekannte Geschichte vorführen. Sie übertreiben Herz und Schmerz bis zur Kenntlichkeit. Eine boshafte Ironie, eine tückische Uneigentlichkeit wehen durch diesen Film. Und doch folgt man ihm gern, denn derart elegante Kleider hat man selten gesehen, derartige Leidenschaften, die sich um den alltägliche Kleinkram nicht scheren müssen, würde man auch gern erleben. Und zugleich merkt man, dass dies alles nur ein schöner Trug ist, der 96 Minuten dauern darf und keine Minute länger. Denn wir glauben den Beteuerungen der Liebenden kein Wort. In den dunklen Augen von Kristen Stewart, die man aus den Vampirfilmen der Twilight Saga kennt, nistet eine selbstbezügliche Melancholie, und Jesse Eisenberg erscheint als Bobby derart robust, dass ihn der Liebeskummer wohl nicht lange quälen wird.

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