Gleich wird die Finanzministerin der Republik Lettland ihr dunkel vertäfeltes Dienstzimmer in der Altstadt von Riga betreten, und die wenigen Minuten bis dahin geben eine letzte Gelegenheit, ihren Nachnamen zu üben: Reizniece-Ozola. Ihre Büroleiterin hilft bei der Aussprache (weiches z, scharfes c), aber dann ist die Chefin auch schon da und stellt sich mit ihrem Vornamen vor: Dana.

Ganz so einfach wird es in den nächsten zwei Stunden nicht weitergehen, denn Dana Reizniece-Ozola hat die Herausforderung zu einer Partie Schach angenommen. So charmant und zuvorkommend sie auch ist: Sie will gewinnen.

Welch eine strahlende Erscheinung. Schwungvoll frisiertes Haar, raffiniert gekleidet in drei Farben Schwarz, eloquentes Englisch, helles Lachen. Man stelle sie sich mit Wolfgang Schäuble an einem Tisch vor: Wie sie seinem grimmigen Blick begegnet, wenn die Finanzminister der Europäischen Union um die Zukunft der gemeinsamen europäischen Währung ringen.

Dana Reizniece-Ozola ist 34 Jahre alt, seit Februar Lettlands Finanzministerin, zuvor zwei Jahre Wirtschaftsministerin. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder. Und dann dieses Hobby: Bei der kürzlich in Baku, Aserbaidschan, ausgetragenen Schacholympiade spielte sie zweieinhalb Wochen lang am ersten Brett des lettischen Damenteams. Als das kleine Lettland auf das riesige China trifft, sitzt ihr Hou Yifan gegenüber, die amtierende Schachweltmeisterin. 31 Züge lang steht es ausgeglichen, dann stößt die Lettin am Königsflügel vor: Angriff! Die Chinesin begeht ein paar Ungenauigkeiten, gerät ins Hintertreffen, Aufgabe im 51. Zug.

Weiß hatte sie auch gegen die Weltmeisterin. Das fängt nicht gut an

Die Sensation ist perfekt und schafft es bis in die Wirtschaftsmeldungen: Schach statt Schachern schreibt das europäische Nachrichtenportal EurActiv. "Angestachelt von ihrem Sieg gegen die Weltmeisterin verzichtet Lettlands Finanzministerin auf den EU-Gipfel in Bratislava. Sie spielt lieber eine weitere Partie Schach."

Auf einer Kommode im Dienstzimmer steht ein kleines hölzernes Schachspiel. Wir rücken es auf den Besprechungstisch und losen die Farben aus. Die Ministerin hat Weiß.

Eine Partie gegen die Ministerin

Angriff und Gegenangriff: Die Stellung nach dem 15. Zug (Weiß: Dana Reizniece-Ozola, Schwarz: Ulrich Stock): 1. c4 Sf6, 2. Sc3 g6, 3. g3 Lg7, 4. Lg2 0-0, 5. Sf3 d6, 6. 0-0 Sc6, 7. d4 e5, 8. d5 Se7, 9. e4 h6, 10. Se1 Sd7, 11. Sd3 a5, 12. Le3 b6, 13. a3 Sc5, 14. Tc1 f5, 15. f3 g5, 16. b4 axb4, 17. axb4 Sxd3, 18. Dxd3 f4, 19. Lf2 h5, 20. Sb5 g4, 21. c5 La6, 22. Ta1 Lxb5, 23. Dxb5 Txa1, 24. Txa1 bxc5, 25. bxc5 fxg3, 26. hxg3 Sg6, 27. cxd6 cxd6, 28. Ta7 Dc8, 29. Dc6 Db8, 30. Dd7 Db1+, 31. Kh2 und nun zog der Reporter, um das Matt zu decken, den Springer von g6 nach e8. Ein verbotener Zug! Wie konnte das geschehen? Ein Versehen. Die Ministerin merkt es nicht. Dem Reporter nützt es nichts. 32. De6+ Kh8, 33. Dg6 Sf6, 34. Dxg7 matt.

Weiß hatte sie auch gegen die Weltmeisterin. Das fängt nicht gut an. Nun muss ich versuchen, sie so sehr ins Gespräch zu verwickeln, dass sie auf dem Brett die Übersicht verliert. Sie beginnt mit dem Doppelschritt des Damenläuferbauern: 1. c4, die Englische Eröffnung. Kein Brexit also? "Auf gar keinen Fall", sagt sie und lacht. "Ich spiele diese Eröffnung schon seit meiner Kindheit."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Sie ist in Kuldīga aufgewachsen, einer kleinen Stadt im Westen Lettlands, 40 Kilometer von der Ostseeküste entfernt. Dort gibt es als Überbleibsel des sowjetischen Schulsystems eine Sportschule mit Schachabteilung.

Dana ist acht Jahre alt, als der Sportlehrer in ihre Klasse kommt und fragt, wer an einem Schachkurs teilnehmen will. 20 Finger gehen hoch. Sie meldet sich, ohne eigentlich zu wissen wofür – und kommt dann auf den Geschmack. "Ich bin sehr kompetitiv", sagt sie. "Anfangs habe ich ein paarmal schnell gewonnen, das hat mich angezogen." Sechs Tage die Woche spielt sie, mehrere Stunden täglich. Mit 14 ist sie lettische Schachmeisterin ihrer Altersklasse, seit 2001 Internationale Großmeisterin.