"Die Sanftheit", so hatte Marieluise Beck in ihrer allerersten Bundestagsrede gesagt, "ist ein zentrales Element grüner Politik." Das war vor über 30 Jahren. Damals konnte Beck Pullover aus fünf Farben stricken, Brot backen und im Konfliktfall weinen – wie die grüne Avantgarde halt so war in jenen Tagen. Seit 1983 sitzt die gelernte Deutschlehrerin mit kurzen Unterbrechungen für die Grünen im Bundestag. Das sind acht Wahlperioden, sechs davon mit einem Mandat ihres Bremer Landesverbands.

Heute ist von Sanftheit keine Rede mehr. Marieluise Beck, 64, will 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Das heißt, sie will schon, ist aber zu dem Schluss gekommen, dass "maßgebliche Kräfte des Bremer grünen Establishments" nicht mehr hinter ihr stehen. Und eine erneute Kampfkandidatur will sie sich ersparen. Still und leise abtreten will sie aber auch nicht.

Die Sache ist zum Politikum geworden. Es geht um das außenpolitische Profil der Grünen. Schließlich ist Beck bekannt für ihr zähes Engagement in Osteuropa. In den Jugoslawienkriegen der neunziger Jahre verabschiedete sich Beck – lange vor Joschka Fischer – vom grünen Unbedingtheits-Pazifismus und befürwortete humanitäre Interventionen. Ein Konflikt, der die Partei bis weit in die rot-grüne Regierungszeit hinein aufrieb. In der Ukrainekrise 2014 trat Beck, die viele russische Menschenrechtspolitiker persönlich kennt, für eine harte Sanktionspolitik gegen den Putinschen Expansionskurs ein. Nicht jedem Parteifreund gefällt das. In einem rot-rot-grünen Bündnis wären Becks Positionen schwer vorstellbar.

Wird hier also eine Position abgeräumt, die den Grünen politisch nicht mehr in den Kram passt? "Ich bin sehr traurig, dass Marieluise ausscheidet, und sie wird uns sehr fehlen", sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt. "Niemand ist in Osteuropa so vernetzt wie sie. Aber wir haben diese Putin-kritische Position in der Partei durchgesetzt." Auch in Becks Landesverband kann sich niemand an ernsthafte Proteste gegen ihr Osteuropa-Engagement erinnern. Süffisant wird höchstens angemerkt, es sei merkwürdig, sich für Demokratie in Russland einzusetzen, das eigene Mandat aber wie einen Erbhof zu behandeln.

Trotzdem geht mit der Grünen mehr verloren als eine erfahrene Parlamentarierin, die nicht loslassen kann. Denn parallel zu Becks Mandatsverzicht kündigt auch die grüne Europapolitikerin Rebecca Harms ihren Rückzug vom Straßburger Fraktionsvorsitz an. Auch Harms hat den Aufstand vom Maidan begeistert unterstützt, auch Harms hat beste Kontakte zu russischen Menschenrechtsaktivisten. Als Harms einmal nach der Annexion der Krim auf einem Parteitag die ukrainische Flagge schwang, wandten sich Parteilinke wie Jürgen Trittin entsetzt ab.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Zwar reklamieren jüngere Grüne wie die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt – gerade weil sie aus dem Osten stammt – ebenfalls für sich, dem russischen Autoritarismus entschieden entgegenzutreten. Aber für Göring-Eckardt verbindet sich damit nicht im selben Maß wie für die Generation der "Spät-68er" in der Partei – Beck ist Jahrgang 1952, Harms 1956 – die Geschichte einer biografischen politischen Läuterung.

Marieluise Beck ist emphatisch pro-westlich, transatlantisch. Diese Begeisterung und ihren gelegentlich ins Dogmatische reichenden Elan teilt sie mit vielen Ex-Linken, für die das eben nicht von Anfang an selbstverständlich war. Man war in jungen Jahren gegen Amerika und den Kapitalismus, man misstraute der "bürgerlichen Demokratie", um dann im Laufe des politischen Lebens zu erkennen, in welch unangenehme Gesellschaft man damit geraten war. Man hatte den Autoritarismus von Drittwelt-Diktatoren übersehen, nur weil sie gegen den US-Imperialismus kämpften. Man hatte bürgerliche Freiheiten oder das Privateigentum verachtet und damit dem Illiberalismus Tür und Tor geöffnet.

Beck war als Studentin kurz beim Sozialistischen Hochschulbund. Rebecca Harms kommt aus der Antiatombewegung. Auch sie entdeckte, im Nachhall der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, die Verfasstheit der russischen Gesellschaft, die Verknüpfung zwischen Illiberalismus und dem Einsatz gefährlicher Techniken. Harms wähnt ihre Partei heute auf dem Weg zu einer grünen Linkspartei nach dem Vorbild von Podemos in Spanien oder Syriza in Griechenland. Die sähen, so Harms, Europa nur noch im Würgegriff des Neoliberalismus und nicht etwa, wie Harms, "als den besten Platz für alle, die demokratische Systeme schätzen".

Für jüngere Grüne, die Harms und Beck nachfolgen werden – im Europaparlament etwa Ska Keller oder Sven Giegold, der früher bei Attac war –, waren nicht die 68er-Generation und deren Irrtümer prägend, sondern die großen Antiglobalisierungsdemonstrationen, die Occupy-Bewegung – eher Michel Foucault als Karl Marx. Gegen Freihandel zu sein, gegen Geheimdienste und für großflächige Sozialpolitik, liberale Netzpolitik und Gender-Mainstreaming – das scheint das Gesicht der nächsten "Generation Grün" zu sein.