Eine Runde durchs Viertel gedreht, schon haben mir auf Plakatwänden und Flyern vier Servicekräfte ihre Dienste angeboten: Sie wollen meine Einkäufe erledigen (Einfach mehr Zeit haben!). Sie wollen meine Kleidung abholen und reinigen (Deine schmutzige Wäsche wird uns lieben!), mir ein Menü bis an die Tür fahren (Wir liefern. Du genießt) oder putzen (Finde jetzt Deine persönliche Putzkraft).

Es ist unübersehbar. Die Dienstboten sind zurück. Nicht mehr in gestärkten Schürzen und mit Häubchen im Haar, sondern in frischen rosa- oder mintfarbenen Shirts. Sie suchen auch nicht nach einer wohlhabenden Herrschaft, bei der sie sich verdingen können. Nein, die neuen Dienstboten erleichtern uns, den Mittelverdienern der Mittelschicht, den Alltag. Sie bringen die saisonfrische Mode. Sie putzen die Fenster oder am Nachmittag den Kindern die Nase. Sie liefern – eines der größten Wachstumsfelder – Nahrung in allen Aggregatzuständen: sandig und roh in der Biokiste, abgewogen und kochbereit in der Box von HelloFresh, frisch zubereitet vom Restaurant des Vertrauens, verpackt in den farbigen Rückentragen der Boten von Deliveroo oder Foodora. All die "Besorgungen", die unsere Eltern früher machten, kann man online bestellen und von Männern, die es immer eilig haben, bequem nach Hause schleppen lassen.

Ich habe das erste Mal im vergangenen Mai zugegriffen. Im Fitnessstudio hatte mir eine junge Frau einen Prospekt in die Hand gedrückt, der bei mir zahlreiche Bedürfnisse auf einmal ansprach: Buchen Sie eine Reinigungskraft online, hieß es da. Schnell, legal und preiswert. Lehnen Sie sich zurück, und genießen Sie Ihre frei gewordene Zeit!

O ja, bitte, dachte ich, meine überlange To-do-Liste im Hinterkopf. Und zögerte dennoch.

Ich bin ein Kind der 1980er Jahre. Es war die Zeit der alten Bundesrepublik, in der sich Linke der Illusion einer klassenlosen Gesellschaft am nächsten fühlten. Die Zeit, in der Deutschland am ehesten das viel beschworene nivellierte Mittelschichtsland war. Die Ungleichheit der Einkommen war geringer als heute. Und das, was es an Oben und Unten dennoch gab, versuchte man zu verbergen. Wenn meine Eltern damals jemanden zum Reinemachen anstellten, beruhigten sie ihr schlechtes Gewissen, indem sie die Putzfrau als Freundin der Familie ausgaben und mit ihr vor und nach jedem Putzgang lange Kaffee tranken.

Dienstleistungen - Der Mittelschicht zu Diensten Internetplattformen vermitteln haushaltsnahe Dienstleistungen an Kunden aus der Mittelschicht. Gutes Geschäft für alle Beteiligten oder Kollateralschaden der Emanzipation? © Foto: ZEIT ONLINE

Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich mit 16 die erste Dienerin kennenlernte. Ein Schulfreund war mit seiner Familie nach Südamerika ausgewandert. Ich besuchte ihn und sah, dass die Lehrerfamilie dort plötzlich zu den Reichen gehörte. Sie hatten ein Hausmädchen, eine Chica, die in einem Kabuff in der Garage schlief und die Familie rund um die Uhr bediente. Ich war entsetzt und wollte aus Solidarität mit ihr am Dienertisch essen. Die Familie sagte damals: Ohne diese Arbeit wäre sie noch ärmer. Wir behandeln sie gut. Wo ist das Problem? Sie hatten sich an die Ungleichheit schnell gewöhnt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Heute müsste die Familie nicht mehr auswandern, um sich eine Chica leisten zu können. Die Mittelschicht hat inzwischen gleich mehrere Chicas, und viele finden das normal. Das Praktische dabei ist: Wir müssen unseren Helfern nicht mal ein Zimmerchen freiräumen. Denn wir buchen sie online nur, wenn wir sie brauchen.

Das erste Mal war verblüffend einfach. Postleitzahl eintippen. Wohnungsgröße. Wunschtermin. Zack, kam die Mail: "Wir haben den perfekten Helpling für Sie gefunden." Den Namen der Ersten, die bei uns klingelte, habe ich mir noch gemerkt: Fabiana. Sie trug ein grünes T-Shirt mit Firmenlogo, war ein wenig jünger als ich und wie viele ihrer Kolleginnen aus Italien nach Berlin eingewandert. Sie putzte und verschwand. Ich dachte, wir würden uns in 14 Tagen wiedersehen. Kurz vorher schickte mir die Firma eine Nachricht: "Es tut uns leid, dass Ihr ausgewählter Wunschhelpling diesen Auftrag nicht ausführen kann." Aber man habe jemand anderen für uns gefunden. Auf Fabiana folgten Igor, dann José Luis, Istvan, Valentina und Pamela. Die Namen musste ich für diesen Text in den Mails nachsehen. Gemerkt hatte ich sie mir nicht mehr. Stattdessen übernahmen wir die dämliche Sprachregelung des Anbieters: "Kommt heute eigentlich der Helpling?"

Die Chica hatte ihren Namen.

Mir ist das alles peinlich

In den Wochen darauf testete ich ein paar weitere Angebote. Per Klick orderte ich ein Omelett mit Frühlingszwiebeln und Erdnusssoße aus einem Restaurant zwei Straßen entfernt. Auch diesmal war alles ganz easy. Ich konnte mit Kreditkarte zahlen, sogar das Trinkgeld.

Ich verschwendete beim Buchen kaum einen Gedanken daran, dass ich da gerade einen Menschen anheuere, der mir das Omelett in der Rückentrage bis zur Türschwelle bringt. Die Dienstboten verbergen sich online unter einer angenehmen Benutzeroberfläche. Und so lege ich jetzt neben all dem anderen Kram manchmal auch Servicekräfte in den Warenkorb.

Die Plattform hilft enorm dabei, die lästigen moralischen Fragen zu vergessen: Einer dient, einer wird bedient? Einer zahlt möglichst wenig, einer schuftet für niedrigste Löhne? Früher, als Dienstleister und Auftraggeber ihr Arbeitsverhältnis im persönlichen Gespräch klärten, standen solche Fragen zwischen ihnen. Die Chica weinte abends oft, weil sie zu ihrer Familie nach Nicaragua wollte. Sie bat um mehr freie Tage und einen höheren Lohn. Und auch die putzende Freundin der Familie bemerkte dann und wann beim Kaffee, dass doch alles teurer werde.

Ein bisschen Entlastung haben wir doch verdient

Die Plattform hält alles anstrengend Zwischenmenschliche von uns fern. Wie es Fabiana, Igor, Paulina und Pamela privat so geht? Ob sie von ihrem Lohn leben können? Keine Ahnung. Sie sind ja nicht meine Angestellten. Um die Hühner, die die Eier für mein Frühstück legen, mache ich mir, ganz kritische Konsumentin, mehr Gedanken.

Und ich glaube, es gibt noch etwas, das sich über die erlernte Achtziger-Jahre-Moral legt. Wir Mittelschichtkinder von einst haben das Gefühl, uns ein bisschen Entlastung verdient zu haben. Weil wir ja so ackern, um den Ansprüchen an uns und das Leben gerecht zu werden. Und uns dabei so oft überfordert fühlen, mit der Arbeit, den Kindern und all dem, was immer liegen bleibt: der Steuer, der Wäsche und dem Staub.

Mein jüngerer Sohn hat ein Bilderbuch, das er sehr mag: Es beschreibt den Tagesablauf eines Bärenkindes. Acht Uhr aufstehen, frühstücken, auf den Spielplatz gehen, dann, großes Ereignis, kommt um elf Uhr der Briefträger. Die einzige Servicekraft der Familie, den Rest erledigt Mama Bär. Mittagessen, einkaufen, Abendbrot. Ich ärgere mich beim Vorlesen immer, dass Mama der Dienstbär für alles ist, und bin froh, dass wir versuchen, unser Leben anders zu organisieren.

Da kommt Amazon mit seinem Einkaufsservice, der in den Großstädten der USA längst Standard ist, wie gerufen. Berlin und München sind die Teststädte. Ich mache mit, erledige den Einkauf – Tomaten, Gurken, zwei Tiefkühlpizzen, ein Paket Windeln – per Amazon Prime Now. Für das Versprechen, dass alles innerhalb einer Stunde geliefert wird, zahle ich sieben Euro Aufschlag. 28 Minuten nach dem finalen Klick bekomme ich eine SMS. Ein Marcel habe meine Bestellung gepackt und sei zu mir unterwegs. Auf meinem Handy sehe ich einen lilafarbenen Punkt, der sich auf dem Stadtplan meiner Wohnungstür nähert. Dann klingelt er und stellt mir vier Papiertüten vor die Tür. Wenn ich Freunden davon erzähle, finden sie das Angebot zwar ungewohnt, ein bisschen teuer, aber auch ganz interessant. Sie machen sich nur Sorgen der Umwelt wegen. Aber, hey, Papiertüten sind doch nachhaltig. Über Marcel kein Wort.

Bekommen wir bald auch das Frühstück geliefert?

Wenn wir so weitermachen, wird die Erzählung in einem Kinderbuch irgendwann so lauten: Sechs Uhr aufstehen. Der Typ vom Lieferdienst kommt mit dem Frühstück. Kurz vor sieben: Der Reinigungsmann holt die Wäsche. Die Turnschuhe sind kaputt? Das schafft der Expressbote noch vor Schulbeginn.

Keine gute Vorstellung. Am Ende ziehen die so sozialisierten Kinder vermutlich in Studentenapartments wie die, die gerade vielerorts eröffnet werden: Full-Service-Wohnheime mit einem Concierge, der für die gerade Volljährigen die Pakete entgegennimmt und vielleicht auch mal ein durchgebranntes Birnchen austauscht, bis aus ihnen Erwachsene geworden sind, die den eigenen Alltag nicht mehr selbst organisieren können oder wollen und dann noch mehr Dienstboten brauchen. Es wäre arbeitsteiliger Kapitalismus in Reinform.

Wollen wir das?

An der Wohnungstür, in den kurzen Old-School-Momenten des direkten Kontakts mit dem Dienstboten, den die Plattformentwickler noch nicht hinfortdesignen konnten, merke ich, wie peinlich mir das alles ist. Dass all die Fabianas und Marcels für ein paar Euro schleppen und putzen und fahren, damit ich ein, zwei Stunden meiner nach Marktlogik wertvolleren Lebenszeit nicht mit solchen Tätigkeiten verschwende.

Ich will nicht in einem Land leben, das sich aufteilt in Bediente und Boten, in gut bezahlte Leistungsträger und Niedriglöhner, die schuften, um Erstere zu versorgen.

Christoph Bartmann hat als Direktor des Goethe-Instituts lange in New York gelebt, wo ein hoher Dienstbotenkonsum üblich ist. Er rät in seinem Buch Die Rückkehr der Diener dringend zur Askese. Er schreibt: "Erwünscht wäre ein neues ökologisches Bewusstsein rund um haushaltsnahe (und andere) Dienstleistungen, durch das sich bei jeder Servicetransaktion gleich der gesellschaftliche und natürliche Schaden bemessen ließe, den wir anrichten."

Das kann man so lesen: Nutze nur die Dienstboten, die du gut behandeln und bezahlen kannst. Wie man das herausfindet? Die vermutlich immer noch beste Möglichkeit: mit denen reden, die man beschäftigt. Wem all die Hilfen unter diesen Bedingungen zu teuer sind, für den gibt es nur eine akzeptable Lösung: Lauf halt selbst zum Vietnamesen, und wisch dein Klo. Ging doch früher auch.

Unseren Helpling haben wir inzwischen übrigens storniert. Nicht aus schlechtem Gewissen. Es wurde uns einfach zu viel, alle zwei Wochen eine neue Hilfe durch die Wohnung zu führen.

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