August 2015. Für die Vermächtnisstudie werden gerade die Interviews geführt. Da fällt der folgenreiche Satz der Bundeskanzlerin: "Wir schaffen das." Die drei Worte machten Karriere. Eine der Fragen, die sich seitdem stellen: Gibt es überhaupt das "Wir"? Und wenn ja, wer ist gemeint?

Wichtigkeit von Wir-Gefühl

Quelle: Vermächtnisstudie, 3104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT-Grafik

Die über 3.000 Befragten unserer Studie waren skeptisch, als sie gefragt wurden, ob die Menschen in Deutschland allgemein ein starkes "Wir-Gefühl" verbinde. Nur 17 Prozent stimmten überzeugt zu, andererseits lehnten auch nur 9 Prozent der Befragten entschieden ab. Die meisten befinden sich also im Mittelfeld der Skala. Man outet sich nicht, reagiert verhalten. Vielleicht will man auch sagen: Es mag etwas geben, aber ich fühle es nicht. Anlass zur Sorge?

Nein, und zwar aus mehreren Gründen. Zunächst: Persönlich ist den Menschen in Deutschland ein Wir-Gefühl außerordentlich wichtig. Mehr als 81 Prozent der Menschen wählen die höchsten Skalenwerte, also die Werte 1 und 2 auf einer Skala von 1 bis 7. Den Menschen in Deutschland geht es also durchaus auch um das Wohl der anderen. Darauf lässt sich bauen. Außerdem sehen wir aus den Ergebnissen, dass die Menschen solidarisch sein wollen, der Sozialstaat liegt ihnen am Herzen.

Betrachten wir die Rentenversicherung: Nur 5 Prozent sprechen sich dafür aus, die gesetzliche Rentenversicherung abzuschaffen. Und gerade Menschen mit hohem Einkommen stehen voll hinter dem Solidarprinzip. Dies liegt wohl auch daran, dass Menschen, die viel eingezahlt haben, eine entsprechend höhere Rente bekommen. Diesem Prinzip stimmen die allermeisten zu, auch jene, die weniger einzahlen können. Ganz offensichtlich setzt man auf die Äquivalenz zwischen Geben und Nehmen. Doch Solidarität ist mehr. So befürworten die meisten Befragten eine absolute Untergrenze der Rente, einen Mindestsatz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Noch eindrucksvoller ist aber ein Wert im Bereich Gesundheitswesen: 85 Prozent der Befragten finden, dass Menschen immer die bestmögliche Behandlung bekommen sollen – auch im Alter und bei geringen Heilungschancen – und dies auch, wenn dadurch die Gesamtausgaben für Gesundheit stark zunehmen. Die Jüngeren stimmen hier übrigens in ganz besonderem Maße zu. Vorsorge und Hilfe bei Krankheit setzen voraus, dass Menschen in die gesetzliche Krankenversicherung etwa proportional zu ihrem Arbeitseinkommen einzahlen, aber sie einkommensunabhängig bekommen, was sie an medizinischer Versorgung brauchen.

Die eingangs geschilderte Zurückhaltung, die sich bei der Beurteilung des Wir-Gefühls in unserem Land zeigt, bedeutet also nicht, dass es den Menschen an Solidarität mangelt, auch eine Umverteilung zugunsten Bedürftiger wird befürwortet. Die Zurückhaltung ergibt sich aber aus der wahrgenommenen Spaltung unserer Gesellschaft in Arm und Reich. So unterstützt fast die Hälfte der Befragten eine Obergrenze für das persönliche Einkommen. Bei den jungen Menschen sind es sogar 55 Prozent. Selbst bei Menschen, die sich als reich bezeichnen und Vermögen haben, liegen die Zustimmungswerte bei über 30 Prozent. Wäre nicht, könnte man die Politik aufgrund der Studienergebnisse fragen, eine Einkommens-Obergrenze ein wirkungsvolleres Prinzip als progressive Steuersätze?

Rente

Quelle: Vermächtnisstudie, 3104 realisierte Fälle im Sommer 2015 © ZEIT-Grafik

Die Vermächtnisstudie zeigt zweifelsfrei: Die Menschen in Deutschland wollen in einem Land leben, in dem es sozial gerecht zugeht. Soziale Gerechtigkeit, so lässt sich aus den Ergebnissen ableiten, meint zu allererst die Begrenzung sozialer Ungleichheit.

Jutta Allmendinger ist Präsidentin, Vanessa Wintermantel Mitarbeiterin des WZB