Ein Haus auf der Grenze: zwischen Himmel und Erde, zwischen Hafen und Stadt. Ein Haus, das im Strom steht, von Flut und Ebbe so lockend umspült, als solle es gleich die Anker lichten und in der blauen Ferne entschwinden. Ein Haus, das nicht stillstehen mag. Das sich vor aller Augen wandelt und bewegt – und auch jene, die es besuchen, erheben und verwandeln will.

15 Jahre des Planens und Bauens mussten vergehen. Groß war anfangs die Euphorie, noch größer aber das Entsetzen, als Lug, Trug und Kleingeisterei kein Ende nahmen und niemand mehr zu sagen wusste, ob hier, in Hamburgs Elbphilharmonie, je etwas anderes erklingen würde als der Klagegesang über 789 verschwendete Millionen. Doch jetzt ist es vollbracht. Jetzt öffnet das machtvolle Haus seine Aussichtsplattform, und mit einem Mal ist der Kummer wie fortgeblasen. Hier ist mehr entstanden als eine Halle für Musik. Und etwas ganz anderes als das übliche Architektenbohei, das in London (Riesengurke), New York (Riesenrochen) oder auch Bilbao (Riesenauffahrunfall) für Spektakel sorgt.

Die Elbphilharmonie ist ein wahrhaft erstaunliches Bauwerk, vielleicht das erstaunlichste der letzten Jahrzehnte, und sie erinnert schon deshalb an die legendären Olympiabauten in München und an die Philharmonie in Berlin, weil auch dort die Zuversicht zu einer Form fand. Etwas Neues sollte beginnen – und es begann.

Allerdings ging es in Hamburg damit los, dass etwas zu Ende war. Im Hafen zog die Globalisierung ein, der normierte Container, diese Allerweltskiste, die etliche der alten Lagerhäuser überflüssig machte. So auch den Kaispeicher A, ein Backsteintrumm aus den sechziger Jahren, das stoisch, kantig und verschlossen dastand, als wäre der Hamburger Kaufmannsgeist für immer darin eingebunkert. Hier war alles Rationalität, bis ein anderer Geist einzog. Einer, der Wellen schlagen will, herrlich irrational.

Die Kernidee stammt von dem Baseler Architektenbüro Herzog & de Meuron (Senior-Partner: Ascan Mergenthaler), das für London die Tate Modern entwarf und jetzt in Berlin die Neue Nationalgalerie erweitern darf. Sein Vorschlag für Hamburg war so simpel wie verblüffend: das Klinkerhaus nicht ab- oder aufzubrechen, es vielmehr als Sockel zu begreifen, um darauf Neues zu gründen. Also dialektisch zu denken und jeden sich bietenden Gegensatz so lange auszukosten, bis er seine volle Kraft entfaltet – und im Zauber der Ambivalenz vor unseren Augen verschwimmt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016. Lesen Sie hierzu auch den Hamburg-Teil der ZEIT mit einer Sonderausgabe zur Elbphilharmonie. Sie finden die Seiten jede Woche in der digitalen ZEIT.

Die klassische Moderne verlangte etwas anderes: eine Architektur der Eindeutigkeit. Neues hatte neu, Altes alt zu sein, und worauf es vor allem ankam, war Kohärenz. Dieses Denken wurde von der Postmoderne veralbert und wenig später, von den Dekonstruktivisten, in seine Einzelteile zerlegt. Jetzt aber, mit der Elbphilharmonie, hebt eine weitere Phase an, womöglich eine neue Epoche: Diese Architektur zelebriert die Gegensätze, hat einen roten Sockel und einen weiß schimmernden Aufbau, ist unten stumpf und oben bewegt, mag es verschlossen und bleibt dabei durchsichtig. Sie liebt klare Grenzen – und liebt noch mehr die Grenzverwischung.

Was zunächst wirkt wie zwei klare Pole, geht auf in einem Spiel der Uneindeutigkeiten, in das die Elbphilharmonie jeden verwickelt, der sich ihr nähert. Von Westen kommend sieht sie schlank aus, beinahe fragil und trotz ihrer gewaltigen Höhe – 110 Meter – alles andere als triumphal. Sie ist mächtig, beherrschend aber ist sie nicht.

Dann, wandert man nach Osten, wandelt sich das Bild: Was sich eben noch reckte, verliert an Höhe. Das Haus sackt ab, 30 Meter tief, und lagert nun breit auf seinem Sockel. Das sähe brütend aus, sogar behäbig, wäre da nicht das schwungvolle Dach, das die rigide Ordnung der Glasfassade – ein Rechteck neben dem anderen – zum Schwingen bringt. Im Grunde verbietet es sich, in diesem Fall von einem Dach zu sprechen. Es schließt nichts ab (na ja, den Regen hoffentlich schon), es reißt etwas auf. Und die harten Fronten üben Lockerheit.