Erster Akt: Anfüttern (2001–2004)

Wie zwei Hamburger ein Konzerthaus erfinden, mit dem keiner gerechnet hat

Februar 2000

Die Geschichte der Elbphilharmonie beginnt im Zeitalter der Neuen Medien. Telefone trägt man jetzt in der Hosentasche (dank Nokia), alle "surfen" auf der "Datenautobahn" (dank AOL). Soziologen schreiben schon länger von der "postindustriellen Gesellschaft", jetzt ist sie da: Die New Economy scheint die alten Regeln des Kapitalismus über den Haufen zu werfen, es gibt gigantische Wertsteigerungen quasi aus dem Nichts, ohne Schornsteine und Fließbänder. Städte erfinden sich neu, man sieht das im zusammenwachsenden Berlin und auch in Hamburg. Hier soll auf einer Industriebrache ein ganz neuer Stadtteil entstehen: die HafenCity. So beschließt es die Bürgerschaft im Februar 2000, auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie.

September 2001

Das beste Grundstück der HafenCity ist für einen Bürokomplex reserviert. Auf dem Land des alten Kaispeichers A, mit Blick auf Landungsbrücken und Innenstadt, soll der Media City Port entstehen. Geplant ist ein Hochhaus mit 50.000 Quadratmeter Bürofläche und exzentrischem Knick in der Fassade, ein tanzender Turm für die Medienbranche. Doch der ist gar nicht nach Tanzen zumute, seit im März des Vorjahres die Dotcom-Blase geplatzt ist und etliche Unternehmen und Privatvermögen vernichtet wurden. Kaum eine Firma lässt sich überreden, in den Hamburger Hafen zu ziehen. Ohne Mietinteressenten kann der Bau nicht beginnen. Auch am anderen Ende der Brache, die mal die HafenCity werden soll, stocken die Pläne. Die Kultursenatorin Dana Horáková will dort einen AquaDome bauen, ein Konzerthaus mit Aquarium. Die Idee: Unter einem Dach sollen Sinfonien erklingen und exotische Fische schwimmen. Das gab’s noch nie! Der Haken: Ein Kombi-Bau aus Wassertank und Konzertsaal wäre aufwendig. Und Fische sind schallempfindlich.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Oktober 2001

Im Rathaus geht ein Brief ein. Absender: Alexander Gérard. Der Projektentwickler hat das Hanseatic Trade Center in der Speicherstadt gebaut, jetzt macht er einen Vorschlag für die Nachbarschaft: Wie wäre es, die Pläne zum Media City Port zu verwerfen und stattdessen das Konzerthaus auf dem Kaispeicher zu bauen – an prominenter Stelle, aber ohne Aquarium? Im Rathaus hält sich die Euphorie in Grenzen.

Dezember 2001

Gérard fährt mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Jana Marko, in die Schweiz. Sie besuchen zwei alte Studienkollegen, die inzwischen ein international gefragtes Architekturbüro leiten. In London haben Jacques Herzog und Pierre de Meuron ein Kraftwerk zum Kunstmuseum umgebaut, die Tate Modern. Könnten sie Ähnliches mit dem Kaispeicher an der Elbe leisten? In den folgenden Wochen sprechen Gérard und Marko in Hamburg bei Politikern, Kulturschaffenden und Journalisten vor, die sie für ihre Idee gewinnen wollen. Jana Marko wird später über diese Zeit sagen: "Wir waren emotionale Hausierer."

Juni 2003

Nach vielen Gesprächen hinter den Kulissen setzen Gérard und Marko jetzt auf die Öffentlichkeit (im nächsten Jahr ist Bürgerschaftswahl) und auf die Macht der Bilder. In der Laeiszhalle präsentieren sie einen Architekturentwurf von Herzog & de Meuron. "Ein gezacktes Ding, leuchtend wie ein Kristall, das auf einem Sockel aus gewöhnlichem Backstein mitten im Hamburger Hafen steht?", schreibt der stern, der den Entwurf bundesweit in eine Million Haushalte trägt: "eine Sensation." Die zweite Sensation: Der Bau soll nichts kosten. Er finanziere sich selbst, sagt Gérard, durch ein Hotel und Eigentumswohnungen. Die Stadt müsse nur das Grundstück zur Verfügung stellen und später den Konzertbetrieb sichern. Name des Konzerthauses: Elb-Philharmonie, noch mit Bindestrich. Möglicher Eröffnungstermin: der 100. Geburtstag der Laeiszhalle im Juni 2008.

Februar 2004

Plötzlich beherrscht nicht mehr die Elbphilharmonie, sondern Innensenator Ronald Schill das Stadtgespräch. Ausgerechnet der Law-and-Order-Politiker soll versucht haben, den Bürgermeister Ole von Beust mit einer Sexgeschichte zu erpressen. Beust schmeißt ihn raus, Schill taucht ab. Später wird er in der Klatschpresse in Erscheinung treten (da geht es um Kokain), dann im Privatfernsehen (unbekleidet). Die Wähler belohnen Beust – seine CDU bekommt die absolute Mehrheit. Karin von Welck tritt als neue Kultursenatorin an. Ihre Vorgängerin hatte sich erst vom AquaDome verabschiedet, dann vom Amt. Alexander Gérard wirbt weiter für seinen Bau. Endlich willigt Ole von Beust ein. Der Media City Port ist vom Tisch, die Elbphilharmonie soll gebaut werden.