Ein Konferenzraum in Hamburg, kühle Luft aus der Klimaanlage trifft auf eine aufgeheizte Stimmung am Tisch. Drei Ärzte diskutieren über das umstrittene Thema Impfen – und über ein Paradoxon: Zwar gelten Impfungen neben dem Zugang zu sauberem Wasser als wirksamster Schutz vor Infektionskrankheiten. Doch viele Menschen nehmen diese Prävention nicht in Anspruch. Aus Nachlässigkeit, Skepsis oder fundamentaler Ablehnung. Wir wollen über die Gründe für die Sorgen und die Impfmüdigkeit sprechen, über den Nutzen, aber auch über die Nebenwirkungen solcher Schutzmaßnahmen.

ZEIT Doctor: Viele Menschen lassen sich jetzt gegen Grippe impfen. Doch ist häufig zu lesen, dass die Impfung gar nicht so effektiv sei, besonders bei älteren Menschen, für die sie empfohlen wird. Wie hoch ist die Wirksamkeit also?

Sozialmediziner: Wenn ich das wüsste, das wäre toll! Die Wirksamkeit der Grippeimpfung hängt davon ab, wie gut die Virusantigene im Impfstoff übereinstimmen mit den Viren, die tatsächlich in der Bevölkerung zirkulieren. Das ist jedes Jahr anders. Die Wirkung hängt auch davon ab, wie fit das Abwehrsystem des Geimpften ist. Bei älteren Menschen nimmt die Leistungsfähigkeit des Immunsystems ab. Der Charme dieser Impfung besteht darin, dass wir keine bessere Alternative haben. Es sei denn, man kann es sich leisten, sich zu Beginn der Grippesaison ins Bett zurückzuziehen, von Tütensuppen zu ernähren und sich Besuch zu verbitten ...

Kinderärztin: ... und nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren und erst wieder das Haus zu verlassen, wenn die Grippewelle abgeklungen ist.

ZEIT Doctor: Raten Sie Ihren Patienten zur Grippeimpfung?

Hausarzt: Nach Ansicht der Cochrane Collaboration, eines unabhängigen Netzwerks von Forschern, wird der Nutzen der Grippeimpfung tendenziell überschätzt, weil es dazu vor allem industriegesponserte Studien gibt. Es ist unklar, wie effektiv die Impfung bei Menschen über 65 ist. Bislang haben wir also eine Impfempfehlung, die eigentlich eine Bevölkerungsstudie ist. Wir gucken: Bringt das was oder nicht? Ich finde, darüber sollten wir die Patienten ehrlicherweise aufklären.

Sozialmediziner: Ich selbst habe die Influenza mit 36 Jahren durchgemacht. Das war so übel, dass ich dachte, ich sterbe. Seitdem wird meine Familie inklusive meiner Kinder und Enkel jedes Jahr geimpft. Wir impfen immer an Halloween. Die Familie kommt zusammen, erst kochen wir lecker, und dann kommt jeder einzeln in die Küche.

ZEIT Doctor: Sie impfen selbst zu Hause?

Dieser Artikel gehört zu ZEIT Doctor aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Sozialmediziner: Ja. Warum soll ich deswegen ein Krankenhaus mieten?

ZEIT Doctor: Wie gut ist der Impfschutz hierzulande?

Kinderärztin: Wir sind relativ gut versorgt, aber nicht so gut, wie wir sein könnten. Das gilt besonders für die zweite Masernimpfung bei Kindern. Da wird zu wenig und zu spät geimpft.

Sozialmediziner: Der Impfstatus wird nur ein einziges Mal flächendeckend erhoben: vor der Einschulung, also im Alter von sechs Jahren. Und da sieht es ganz gut aus. Bei Jugendlichen, Erwachsenen und erst recht bei Älteren wird es dann immer schlechter. Und es variiert, je nach Impfung: Manche, die ich gar nicht für so wichtig halte, hat fast jeder, wie die Tetanusimpfung. Und gegen Keuchhusten, der ziemlich übel grassiert, sind viel zu wenige geimpft.

Hausarzt: Wir Hausärzte wehren uns dagegen, bloß eine Quote zu erfüllen. Mir geht es darum, dass Patienten nach einer adäquaten Aufklärung eine persönliche Impfentscheidung treffen können. Manchmal gibt es aber gar keine Studien, aufgrund derer ich sie beraten könnte. Nehmen wir das Thema Pneumokokken: Wer fragt mich dazu am häufigsten? Diabetiker und Herzkranke. Über die gibt es aber null Studien. Das führt zu Verunsicherung.

Sozialmediziner: Noch etwas spielt eine Rolle. Der Erfolg des Impfens ist gleichzeitig dessen größter Gegner. Wir erleben nicht mehr, was die Impfung uns erspart. Wer hat schon noch einen Diphtheriefall selbst gesehen? Kaum jemand.

ZEIT Doctor: Viele wissen gar nicht mehr, was Diphtherie ist.

Sozialmediziner: Genau. Der letzte Ausbruch war in Köln, 1976. Damals sind 80 Menschen erkrankt, von denen zehn starben. Es gab Panik in der Stadt. Die Erwachsenen konnten nur im Gesundheitsamt geimpft werden. Der Andrang dort war so groß, dass die frisch Geimpften nicht über die Treppenhäuser ins Freie gelangen konnten, weil die Nachdrängenden den Weg versperrten – die Feuerwehr musste die Leute über die Fenster aus dem Haus holen. Das ist völlig in Vergessenheit geraten. Aber das kann sich schnell ändern, wenn die Menschen etwas als bedrohlich empfinden: Nach dem Masernausbruch in Berlin 2015 hat sich die Zahl der verkauften Impfdosen in Deutschland um 60 Prozent erhöht und in Berlin mehr als verdoppelt.