John le Carré saß vor ziemlich genau acht Jahren im Foyer des Hamburger Nobelhotels Atlantic, und es war ihm ein klein wenig lästig, auf die Fragen des noch halbwegs jungen Journalisten zu antworten. Der wohl bekannteste Spionageautor der Welt ahnte, dass man ihn zum millionsten Mal nach seiner Zeit als britischer Agent, der in den frühen sechziger Jahren in Deutschland spionierte, befragen würde, und le Carré wurde dahingehend nicht enttäuscht. Er antwortete, dass die Arbeit für einen Geheimdienst vor allem langweilig sei. Er sei nur auf niedriger Dienststufe eingestellt gewesen. Der übliche Beamtendreikampf aus Knicken, Lochen, Heften eben – man solle da nicht so viel hineindeuten. So spannend wie seine Romane, wie etwa Der Spion, der aus der Kälte kam, der ihn berühmt machte, sei das Leben nun einmal nicht.

Nach der fabelhaften Idee, einem ehemaligen Spion gleich in der ersten Frage mit seiner Spionagetätigkeit zu kommen, geriet das Gespräch sehr freundlich und höflich distanziert. Es gab wenig Verwertbares, aber eine Seltsamkeit irritierte den Interviewer nachhaltig: Das war le Carrés völlig akzentfreies Deutsch. Er suchte manchmal nach Wörtern, jedoch nur mit sehr feinem Gehör hätte man ihn für einen Engländer halten können. Es war klar, dass ihm die Sprache einst eine Tarnwaffe gewesen war.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der heute 85-Jährige so gut wie kein Wort über seine Agententätigkeit verloren, und wer nun von seiner soeben erschienenen Autobiografie Der Taubentunnel Detaillierteres erfahren möchte, wird enttäuscht. Er sei, schreibt le Carré, "durch Reste altmodischer Loyalität meinen früheren Diensten gegenüber ebenso gebunden wie durch Vereinbarungen, getroffen mit den Männern und Frauen, die mit mir zusammengearbeitet haben" – zu sehr, um indiskret zu werden. Das ist schade, denn natürlich möchte man mehr über seine Tätigkeit – und auch mehr über deren moralisches Zwielicht – erfahren: Le Carré war bereits in den fünfziger Jahren an der Suche nach Sowjetagenten an britischen Universitäten beteiligt. 1960 wechselte er zum britischen Auslandsgeheimdienst MI 6 und war in Bonn, als Botschaftsmitarbeiter getarnt, tätig. "Blödes Bonn" hätten britische Diplomaten die kleine Stadt am Rhein beständig genannt, erinnert sich le Carré in seiner Autobiografie. Sie wunderten sich darüber, dass viele deutsche Politiker ernsthaft glaubten, die Hauptstadt werde irgendwann einmal wieder nach Berlin verlegt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Man bekommt eine recht genaue Ahnung davon, dass die oft beschriebene Dumpf- und Bedrücktheit der deutschen Nachkriegsjahre kein nachträglich konstruiertes Klischee ist. Le Carré beschreibt, wie Nazi-Seilschaften über die Karrieren junger, an den Verbrechen unbeteiligter Deutscher befanden, welche mentale Verheerung also Adenauers berühmtes Diktum, dass man das schmutzige Wasser nicht ausschütten könne, solange kein sauberes vorhanden sei, bewirkte.

1964 quittiert le Carré den Dienst und arbeitet fortan ausschließlich als Schriftsteller. Eine bedeutsame Zäsur ist der Roman Dame, König, As, Spion von 1974. Als er gedruckt wird, entdeckt le Carré darin einen peinlichen Fehler in der topografischen Beschreibung Hongkongs. Er hatte zur Recherche lediglich einen alten Reiseführer benutzt und den Roman im fernen Cornwall abgefasst. Schlagartig habe ihm vor Augen gestanden, dass er "fett und faul" geworden sei. Fortan sollte sein Leben vor allem aus Reisen bestehen, um wieder erfahrungsgesättigt zu schreiben. Nicht mehr nur der ihm vertraute Ost-West-Konflikt und die darin eingebetteten moralischen Dilemmata werden seine späteren Werke kennzeichnen, sondern die globalisierte Spionage. Le Carré wird zum Abenteurer, um über Abenteuer zu schreiben: Er reist nach Kambodscha und Vietnam, auch zu Arafat, der Vertrauen zu ihm gewinnt und mit ihm etwas hysterisch tanzt. Er gerät nach Moskau, wo er in den achtziger Jahren von alkoholisierten Agenten streng bewacht wird, reist nach Kenia und in den Kongo. Das Buch ist weniger eine klassische Autobiografie als eine Ansammlung unterhaltsamer Anekdoten eines Schriftstellers, der nur schreiben kann, indem ihm etwas widerfährt.

John le Carré: Der Taubentunnel. Geschichten aus meinem Leben; a. d. Engl. v. Peter Torberg; Ullstein Verlag, Berlin 2016; 384 S., 22,– €