New York, 6th Avenue. Ein Bürohaus mit der Anmutung von Art déco, viel goldschimmerndes Metall. Abramović? Der Portier winkt durch, und wupps, steht man im 12. Stock, in einem langen grauen Gang mit grauen Türen. Wohin? Dann hört man Lachen. Es ist ein tiefes, malziges Lachen, kann es sein, dass man das Lachen einer Person erkennt, der man nie begegnet ist?

Man folgt dem Lachen, eine Tür geht auf, und da sitzt sie. Sie sitzt wie ein Mädchen auf einem Tisch. Eine kleine Frau in schwarzem Jersey und schwarzer Seide. Augenbrauen wie Flügel. Haut weiß wie Schneewittchen. So rote Lippen. Mit fast 70! Marina Abramović schaut rüber, hört auf zu lachen und sagt: "Ich bin tot!"

DIE ZEIT: Marina Abramović, Sie sind der Welt berühmteste Performance-Künstlerin. Pop-Star Lady Gaga vergöttert Sie, der Regisseur Robert Wilson hat für Sie eine Oper geschrieben. Sie haben den süßen Modedesigner Riccardo Tisci an Ihrer Brust gesäugt wie Maria das Jesuskind. Welche Marina begegnet Ihnen, wenn Sie morgens aufwachen?

Marina Abramović: Also heute Morgen war es die Soldatin. Ich habe eine Aufgabe auszuführen. Ich lese meine Autobiografie Durch Mauern gehen als Hörbuch ein, und die Leute vom Verlag sind fassungslos, dass ich nie aufgebe, ich lese und lese, wiederhole den Text, lese und lese, bis alles perfekt ist. Es hört nie auf. Wenn ich etwas vollbringen will, gebe ich alles. Ich bin vorbereitet, ich bleibe dran, und es ist egal, wie viele Stunden es dauert oder wie unbequem es ist oder wie erschöpft ich bin.

ZEIT: Sie nennen es die Abramović-Methode, Sie lehren junge Künstler die Kunst des Durchhaltens. Ein buddhistisch inspiriertes Survival-Training. Man fragt sich, was vom Interviewer erwartet wird – vorbereitendes Fasten? Yoga? Der "Herabschauende Hund" als eine Einübung von Demut?

Abramović: Also, wir foltern hier niemanden!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

ZEIT: Sie haben in Ihrer Autobiografie die Erinnerungen wie Puzzlestücke zusammengelegt. Welches Bild sehen Sie jetzt, wo das Buch fertig ist?

Abramović: Das Schreiben war weniger ein Puzzle als ein spiralförmiger Erinnerungsprozess. Mein Denken verläuft zirkulär, und es berührte viele schmerzliche Erlebnisse. Noch jetzt, wo ich das Buch vor mir habe und lese, kommen die Emotionen wieder hoch. Ausgerechnet jetzt, wo ich 70 werde und dachte, ich hätte alles hinter mir gelassen! Mein ganzes Leben lang habe immer nur nach vorne geschaut und nie, also selten, zurück. Nun, wo ich es tue, fühle ich mich alt und erschöpft. Ich bin in einem Tunnel, der ins Licht führt. Aber ich stecke noch in diesem Tunnel.