Der Mann, der dem Bösen in der Politik ein Gesicht gab, steht am Eingang des House of Lords, der zweiten Kammer des britischen Parlaments. Michael Dobbs, 68, läuft mit uns durch die 175 Jahre alten Gänge, er erklärt die Restaurierungsarbeiten an berühmten Gemälden, und irgendwann sitzen wir auf der Terrasse des Restaurants. Dobbs ist ein Politikerzähler. Er hat die weltweit erfolgreiche, von Kritik und Publikum bejubelte Fernsehserie "House of Cards" erfunden, in der ein skrupelloser amerikanischer Präsident namens Francis Underwood für die Macht buchstäblich über Leichen geht. Das Erstaunliche: Michael Dobbs ist selbst Politiker. Er war Stabschef von Margaret Thatcher, das Parlament ist sein Zuhause. Seit 2010 gehört er dem House of Lords an, er darf sich Lord Dobbs nennen.

DIE ZEIT: Lord Dobbs, ist Politik eine Droge?

Michael Dobbs: Und was für eine! Ich darf das sagen, denn ich habe diese Droge reichlich genossen, früher mehr, heute etwas weniger. Aber ich möchte auf keinen Fall darauf verzichten.

ZEIT: Nächste Woche wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Sie sind nicht nur Politiker, sondern auch Autor. Was sagen Sie als Schriftsteller zu Donald Trump?

Dobbs: Trump kommt aus dem Nichts. Er hatte noch nie ein Amt inne, nicht einmal das des Hundefängers. Er hat keine Ahnung vom politischen Apparat. Er wäre der unerfahrenste Präsident in der Geschichte Amerikas. Aber den Leuten macht das nichts aus, im Gegenteil, sie wollen genau das. Interessant! Es gibt eine Sehnsucht nach dem Nirgendwo.

ZEIT: Ihre Hauptfigur Francis Underwood, der Inbegriff des unmoralischen Politikers, sagt einmal trocken: "Demokratie wird so was von überschätzt." Sie haben Underwood erschaffen. Mit Donald Trump scheint die Wirklichkeit Ihnen auf einmal voraus zu sein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Dobbs: Darf ich erzählen, wie das mit House of Cards angefangen hat?

ZEIT: Unbedingt.

Dobbs: Es war ein Spaß, ein Unfall, eine Therapie, von allem ein bisschen was. Ich habe lange Zeit sehr eng mit Maggie Thatcher zusammengearbeitet. Ich bin mit ihr gut zurechtgekommen, bis zu diesem Tag eine Woche vor der Wahl im Jahr 1989, bei der sie zum dritten Mal zur Premierministerin gewählt wurde. Sie war nervös, sie hatte von angeblich schlechten Umfragewerten gehört. Wir saßen beisammen, vier, fünf Leute aus dem engsten Zirkel, und sie bekam einen Wutanfall – und beschimpfte mich. Brutal. Aus heiterem Himmel, ohne jeden Anlass.

ZEIT: Woran lag das?

Dobbs: Sie wollte jemanden schlachten, ich war das Opferlamm. Es war das Ende unserer Zusammenarbeit, das war jedem klar. Einige Tage später bin ich mit meiner Frau nach Gozo geflogen, einer kleinen Insel bei Malta, um auf andere Gedanken zu kommen. Meine Laune war nicht die beste, ich hatte meinen Job verloren und wusste nicht, wie es weitergeht. Ich hatte mir einen Krimi mitgenommen und nervte meine Frau, weil ich dauernd über dieses langweilige Buch schimpfte. Irgendwann sagte sie: Dann mach es eben besser!

ZEIT: Und das taten Sie dann?

Michael Dobbs, Politiker, Brexit-Befürworter und Erfinder von "House of Cards". © Adrian Dennis/AFP/Getty Images

Dobbs: Ich bin an den Pool gegangen und habe mir einen hübschen Platz im Schatten gesucht, ich hatte einen Block und einen Stift und vor mir eine Flasche Wein.

ZEIT: Was haben Sie als Erstes aufgeschrieben?

Dobbs: Am Ende des Tages hatte ich die Flasche ausgetrunken, und auf meinem Block standen nur die beiden Initialen der Hauptfigur. Das war alles. FU. Sie verstehen, was das bedeutet? Fuck you! Das war der Sound dieser Figur, das war die Haltung. Der Name in der englischen Fassung ist ja Francis Urquhart, in der amerikanischen Version wurde daraus dann Francis Underwood, weil Underwood leichter über die Lippen geht. Aber die Initialen blieben, das musste sein. FU.

ZEIT: Ihr Buch mit dem Titel House of Cards wurde sofort ein Bestseller. Warum konnten Sie das: schreiben? Glauben Sie an so etwas wie eine göttliche Eingebung?

Dobbs: Nein, ich stamme zwar aus einer sehr religiösen Familie, doch ich glaube nicht an Gott. Ich hatte nie den Plan, Autor zu werden, aber ich war immer ein ganz guter Geschichtenerzähler. Und es gab diesen Moment am Pool, als ich merkte, dass es mir Spaß macht, diese Figur zu entwickeln, über diesen Mann zu schreiben. Über diesen FU.