Facebook zum Beispiel: Bitte, bitte nicht. Und bitte auch nichts bei Twitter und auch keine Fotos auf Instagram. "Ich weiß, dass das gleich ein besonderer Moment für alle sein wird. Behaltet ihn trotzdem erst einmal für euch, und stellt ihn nicht ins Internet. Okay?" Dr. Peter Brothers schaut uns streng an, und wir nicken.

Facebook? Als ob wir keine anderen Sorgen hätten. In zehn Minuten werden wir aus unserem Landrover klettern und einem ausgewachsenen Nashornbullen die Hörner absägen. Dr. Brothers wird ihn vorher ins Reich der Träume befördert haben, mit einem Betäubungsgewehr, aus einem Helikopter heraus. Das Tier wird narkotisiert sein und ungefährlich, aber der Doc hat uns in den vergangenen Tagen oft genug erzählt, was bei so einer Aktion mit den jähzornigsten Bewohnern Südafrikas alles schiefgehen kann. Ganz ehrlich: An soziale Netzwerke denken wir im Moment wirklich nicht. Der Doc läuft Richtung Helikopter, das Betäubungsgewehr in der Hand, um ihn herum wirbeln die Rotoren Sand auf. "Bis gleich!", brüllt er durch den Lärm. "Und denkt an das, was wir besprochen haben!"

Das war einiges. Heute morgen, aber auch schon während der ersten Tage unserer Tierarztsafari. Wir sind in Kwazulu-Natal unterwegs, einer Provinz an der Ostküste Südafrikas, die an Mosambik grenzt. Eine knappe Woche lang begleiten wir einen Veterinär bei seiner Arbeit. Wir wohnen in einer ziemlich schicken Unterkunft, der White Elephant Lodge, sind aber kaum da, weil wir bereits in aller Herrgottsfrühe aufbrechen und abends erst zurückkehren, wenn es stockfinster ist. In den Stunden dazwischen? Fahren wir durch Ebenen mit Endloshorizonten, blicken von Hügeln hinunter in Flusstäler und haben dabei Unterricht.

Bevor nämlich der erste operative Eingriff auf dem Programm steht, ist so eine Tierarztsafari in Südafrika eine Art Hochschulseminar auf Rädern, Grundstudium Biologie, Schwerpunkt Verhaltenslehre. Vorne im Auto sitzt der Prof (beziehungsweise der Doc) und erklärt, was da gerade ein paar Meter nebenan im Gras passiert: Hyäne markiert Revier, Löwe gähnt neben erlegtem Zebra, Nashorn wittert Konkurrenz. Hinter dem Prof hocken drei Reihen Schüler mit ihren Fragen. In unserem Fall übrigens alles pensionierte Landtierärzte aus Frankreich, außerdem die Sprechstundenhilfe einer Tierklinik aus Vancouver – und ich. Mein Fachwissen habe ich aus unzähligen Folgen Daktari. Aus den siebziger Jahren, im ZDF. Man kann nicht behaupten, dass wir alle die gleichen Voraussetzungen mitbringen.

Trotzdem hat der Doc in den vergangenen Tagen jedem das Gefühl gegeben, am richtigen Ort zu sein. Dr. Brothers – Mitte 40, fast 1,90 groß, ehemaliger Rugbyspieler – betreibt eine Praxis bei Port Elizabeth, wo er Hunde, Katzen und andere Tiere versorgt, an die man denkt, wenn man an einen Tierarzt denkt. Im Laufe der Zeit hat er sich aber auch auf größere Patienten spezialisiert – mehrere Monate im Jahr kümmert er sich um Nashörner in den Private Game Reserves. Von diesen Schutzgebieten in Privatbesitz gibt es etwa 14.000 in Südafrika, manche klein wie ein Kurpark, andere groß wie ein Bundesland. Viele ihrer Besitzer können sich keine aufwendigen Sicherheitseinrichtungen leisten; solche Parks werden deswegen immer öfter das Ziel von Wilderern. Die rücken im Schutz der Nacht an, schneiden ein Loch in den Zaun und gehen mit Gewehren und Äxten auf die Jagd. Wenn es Tag wird, sind die Nashörner tot und ihre Hörner auf dem Weg nach Asien: Nashhornhorn besteht aus Keratin, demselben Stoff wie unsere Fingernägel. Reiche Kunden in China oder Vietnam zahlen trotzdem bis zu 80.000 US-Dollar pro Kilo und nehmen es in Pulverform zu sich. Weil sie glauben, es behebe Potenzstörungen und helfe gegen Krebs. Was es nicht tut. Südafrikas Nashörner müssen dennoch sterben.

© ZEIT-Grafik

Damit es nicht dazu kommt, sind wir da – beziehungsweise der Doc: Ihn beauftragen die Besitzer der Schutzgebiete, ihren Nashörnern die Hörner abzusägen, damit sie für die Wilderer wertlos sind. In über 50 Gebieten ist er unterwegs, finanziert werden seine Einsätze durch die Tierarztsafaris. Das sogenannte De-Horning ist ein Rennen gegen die Zeit. In Südafrika werden Nashörner in furchterregendem Tempo erledigt, allein in der Provinz Kwazulu-Natal waren es in den letzten Monaten mehr als hundert. Auch das Private Game Reserve, in dem wir gerade unterwegs sind, ist vor geraumer Zeit überfallen worden. Deswegen hat der Doc uns ermahnt, nichts von unserer Aktion ins Internet zu stellen: Wilderer durchforsten Facebook gezielt nach Zeilen wie "Gerade eben gesehen: Zehn Nashörner im Soundso-Park, direkt an der ersten Kreuzung!". Oder sie kombinieren Hashtags wie #Rhino, #Hluhluwe-Umfolozi und #OurMomentoftheDay – und während die glücklichen Touristen in der Lodge zu Abend essen, wird die eben fotografierte Nashorngruppe drei Kilometer entfernt massakriert. Auch unsere enthornten Exemplare dürfen ihren Weg nicht in die sozialen Netzwerke finden. Es ist schon passiert, dass Veterinäre an einem Tag mit dem Enthornen begannen und am nächsten abreisen konnten, weil Wilderer über Nacht sämtliche noch nicht behandelten Nashörner abgeschlachtet hatten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Der Hubschrauber ist nur noch leise zu hören, die Stimme des Docs dröhnt aus dem Funkgerät vorne im Wagen. Brothers sucht das erste von mehreren Spitzmaulnashörnern, auf die der Park besonders stolz ist. Die Spezies ist vom Aussterben bedroht, in ganz Südafrika gibt es vielleicht noch 3.000 Exemplare. Während Breitmaulnashörner offenes Gelände bevorzugen, treiben sich Spitzmaulnashörner lieber im dichten Busch herum. Das macht eine Operation kompliziert – das Tier muss zuvor nämlich herausgescheucht werden, damit wir in unseren Geländewagen nahe genug herankommen.

In dem Fahrzeug hinter uns sitzen übrigens die Männer, die der Doc als Sicherheitspersonal bezeichnet. Sie werden alles im Auge behalten, während wir uns mit dem Patienten beschäftigen. Könnte ja sein, dass andere Nashörner in der Nähe sind. Oder Löwen. Oder Büffel, da hat man dann besser ein paar Leute dabei, die auf einen aufpassen. Es gab auch schon betäubte Tiere, die unerwartet wach wurden. Oder sehr, sehr schnell, nachdem ihnen im Anschluss an die OP jenes Gegenmittel injiziert wurde, das die Wirkung der Betäubungswirkstoffs außer Kraft setzt. Weil Nashörner sehr flink sind, sollten die Fluchtautos dann nicht allzu weit entfernt sein.

Wir starten! Der Doc hat ein Tier entdeckt und aus der Luft betäubt. Es wird sich noch vier oder fünf Minuten auf den Beinen halten, und anschließend bleibt uns eine knappe halbe Stunde für den chirurgischen Eingriff. Aber jetzt müssen wir erst mal zu ihm. Der Landrover kracht, schlingert und fliegt über die Buckelpiste, die in wirren Kurven und Schlenkern durchs Buschwerk führt, der Doc schreit Richtungshinweise durchs Funkgerät, in der Staubfahne hinter uns ist das Fahrzeug mit dem Sicherheitspersonal nicht mehr auszumachen. Dann sehen wir den Hubschrauber am Boden, springen aus dem Auto und laufen hinüber zum schlafenden Patienten. Und zum Doc, der neben ihm hockt.