Wenn sich erst einmal ein Mythos um eine Landschaft oder eine Stadt gebildet und sich dieser Mythos in unsere Sehnsüchte und Fantasien eingeschrieben hat, gehört er, mag er auch noch so weit außerhalb unserer Lebenswelt beheimatet sein, fortan zu uns, und jeder Angriff auf ihn trifft uns unmittelbar. In der Trauer um die Opfer des Terrors in Paris 2015 trauern wir also auch – viel stärker als etwa in Bezug auf Brüssel oder andere heimgesuchte Städte weltweit – um unsere Sehnsüchte und Fantasien im Raum der Kunst, der Literatur, des Lebensgefühls, der Liebe.

Zum Mythos Paris gehören untrennbar seine Intellektuellen: "Wissen Sie, die Pariser Schriftsteller sind Dorfbewohner. Obwohl ich Beckett gerne habe, besuche ich ihn nicht. Warum? Weil er in einem anderen ›Dorf‹ wohnt, mitten in Paris!", sagte mir vor über dreißig Jahren der Schriftsteller E. M. Cioran, der 1937 aus Rumänien nach Paris gekommen war und bis zu seinem Tod hier lebte. Das wirft ein schillerndes Licht auf den Kosmos Paris, den man sich auch aufgesplittert in monadenartig bewohnte Viertel vorstellen kann. So selbstbezogen die Schriftsteller, Maler und Musiker auch in ihrer topografisch festgelegten Welt lebten, büßten sie doch nie ihr starkes Gefühl ein, das eine Paris zu vertreten, ja zu sein. Ein Paris, wenn auch zerstückelt. Der Schriftsteller: ein Maler "innerer Landschaften", in denen "die Zeit stillsteht", wie Patrick Modiano, der berühmteste Stadtnomade von Paris, bemerkte.

Ein Geistesverwandter von Modiano und ein ebenso manischer Stadtnomade wie er ist der zehn Jahre ältere Ethnologe Marc Augé, ausgestattet mit einem besonders ausgeprägten Interesse an der städtischen Unterwelt: "Ein Ethnologe in der Metro" hieß sein 1986 auf Französisch erschienenes Buch. Von da an führte er ein Doppelleben: als Erforscher außereuropäischer Kulturen (Elfenbeinküste, Togo, Lateinamerika) und als urbaner Feldforscher in den westlichen Gesellschaften. Sehr früh schon richtete er seinen Blick auf die Vermischungen von Orten und Nichtorten, also von bewohnten Räumen und von Transiträumen, die man, wie zum Beispiel die Flughäfen, nur durchquert, ohne den Wunsch zu verspüren, sich in ihnen länger als nötig aufzuhalten. Augé leistete wesentliche Beiträge zur neuen produktiven Ausweitung der Ethnologie hin zur Ethnopoesie, zur Ethnofiktion und zum Ethnoroman.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

In diesem weit gesteckten Rahmen, in dem sich die Logik der Forschung und der Literatur gegenseitig bereichern, unternahm er eine "experimentelle" Recherche in Paris: im Tunnelsystem der Metro, beim Durchqueren von Parks oder beim Durchstöbern von Kleinanzeigen. In seinem Buch über Das Pariser Bistro verbindet Augé nun auf leichtfüßige Weise die Etappen seiner eigenen Lebensgeschichte mit der Geschichte dieser genialen Erfindung mit dem schillernden Namen "Bistro": ein Modell des französischen Lebensstils, das sich inzwischen aber weltweit an nationale Bedingungen und Vorlieben anpasst und überall eine unkomplizierte, sympathische Geselligkeit und unmittelbare Nähe verheißt. Das Bistro erzeugt das Gefühl, authentisch sein zu dürfen, "unverfälscht man selbst zu sein, gleich wo und wer man ist", und dabei teilzuhaben am Alltagsleben und an dessen Poesie. Es steht immer zur Verfügung, für das Private, das Gesellschaftliche und die Träume.

Das Bistro ist, mehr als ein Restaurant oder Café, ein Durchgangs- und Übergangsort zwischen dem eigenen Wohnzimmer und dem angepeilten Zielort. Man ist, sobald man sich dem Geräusch der Kaffeemaschine und den unverbindlichen Plaudereien, "den nichtssagenden Worten und dem vielsagenden Schweigen" überlässt, eigentlich noch gar nicht unterwegs.

Zuweilen glaubt man bei der Lektüre dieser Impressionen und Szenen, einem Jongleur zuzusehen, wie er die Erinnerungen – zurückreichend bis zur Jugend und zu den ersten Berührungen mit den Verruchtheiten und dem Zauber, der von den philosophischen und literarischen Zirkeln ausging – in die Luft wirft, wo sie zielsicher im Fluidum der Bistros landen. Augé jongliert mit seinen Beobachtungen wie die Kellnerin Julie mit ihren Tassen und Untertassen und wie die Gäste mit ihren Blicken, in denen die Angeschauten einen Beweis ihrer eigenen Existenz sehen. Es sind solche unscheinbaren Rituale – intensive Blicke zu tauschen und dabei anonym zu bleiben oder wie man mit Julie vertraut, geradezu intim ist, aber nur im geschützten Raum des Bistros –, die Marc Augés ethnologischer Blick auf subtile und elegante Weise erfasst und mit großer Lust vor uns ausbreitet. Die Bistros haben sich ihm als eine "Lebenslinie" eingeschrieben und schneiden die Linie der Landschaften, der Gesichter, der Lieder, der Reisen, des Kopfes und des Herzens – und des Alterns. So bleibt es nicht aus, dass der Reisende, der Flaneur, der Neugierige und der Forscher Marc Augé gelassen, aber auch wehmütig – und wir mit ihm – zurückblickt in die Blütezeit der Bistros und in das tägliche, fest in den Lebensrhythmus integrierte "Ich schau nur mal kurz rein".