So einen weltpolitischen Seitenwechsel hat man noch nie gesehen: Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte ist mitten auf dem Spielfeld vom Team USA zur chinesischen Mannschaft übergelaufen. Er erkläre seine "Trennung" von Amerika, hat Duterte kürzlich bei einem Staatsbesuch in Peking bekanntgegeben – und zugleich eine neue Partnerschaft mit China (und Russland) angekündigt. Er werde sich deren "ideologischer Strömung" anschließen: "Es gibt keinen anderen Weg." Wenige Tage darauf verkündete Duterte in Japan, in den nächsten beiden Jahren sollten alle amerikanischen Soldaten aus seinem Land abziehen.

Der neue philippinische Kurs ist eine geostrategische Sensation – etwa so, als würde in Europa das stets moskaukritische und washingtonfreundliche Polen plötzlich eine Allianz mit Wladimir Putin eingehen. Die Philippinen sind seit Jahrzehnten der engste Verbündete der USA in Südostasien. Sie sind ein Schlüsselland für die amerikanische Vorherrschaft im Westpazifik und eine Bastion gegen die Machtansprüche Chinas: eine Art permanenter, im Meer verankerter Flugzeugträger. Ein Kooperationsvertrag gibt den Vereinigten Staaten Zugang zu fünf Militärbasen auf der Inselgruppe. Wenn die Philippinen den Vereinigten Staaten als Bündnispartner verloren gehen, verschiebt sich die Kräftebalance in einer der wichtigsten und krisenanfälligsten Regionen auf dem Globus, in der eine etablierte mit einer aufstrebenden Weltmacht in direkter Konkurrenz steht.

Präsident Duterte liebt die Provokation – wie kürzlich, als er Barack Obama (und vorher schon den Papst) als "Hurensohn" beschimpfte. Womöglich drückt sich in seiner neuen Liebe zu China weniger geopolitische Strategie als der Frust über die Kritik aus, die er aus den Vereinigten Staaten (und aus Europa) für seinen blutigen, menschenrechtswidrigen Anti-Drogen-Krieg zu hören bekommt. Einige Duterte-Berater versuchen, den Bruch mit Washington kleinzureden: Es gehe bloß um mehr außenpolitische Unabhängigkeit, nicht darum, das Verhältnis zu den Amerikanern zu zerstören. Trotzdem ist der Richtungswechsel einschneidend. Duterte akzeptiert die heraufziehende chinesische Hegemonie in Asien. Er erhofft sich von der Anpassung an Peking wirtschaftliche Vorteile – und wahrscheinlich auch die Partnerschaft mit einem Regime, das keine lästigen Fragen nach Menschen- und Bürgerrechten stellen wird.

Die Philippinen selbst werden mit dem Pro-China-Kurs einer Zerreißprobe ausgesetzt. Sie sind ein Land, in dem die Vereinigten Staaten sehr beliebt sind. Die kulturelle Nähe ist überall spürbar: vom Basketball und Baseball, die die Amerikaner importiert haben, bis zu den Universitäten, die nach US-Vorbild funktionieren. Millionen von US-Bürgern haben philippinische Wurzeln. Besonders auf der politischen Linken gibt es auch antiimperialistische Vorbehalte gegen die USA, die das Land nach 1898 ein halbes Jahrhundert lang als Kolonie beherrscht und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs auch die unabhängig gewordenen Philippinen oft wie einen Vasallenstaat behandelt haben. Aber Meinungsumfragen zeigen, dass die USA auf den Philippinen viel beliebter sind als China.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 46 vom 3.11.2016.

Das Philippinen-Drama ist Teil einer größeren Geschichte: einer riskanten Umbruchzeit in Asien. Im Wesentlichen spielt Peking auf Angriff und Washington auf Verteidigung, aber man kann auch amerikanische Gegenvorstöße beobachten. Myanmar etwa, das jahrzehntelang von einer chinafreundlichen Militärjunta regiert wurde, hat jetzt mit der früheren Bürgerrechtlerin Aung San Suu Kyi eine proamerikanische politische Führungsfigur, eine persönliche Freundin von Hillary Clinton. Thailand dagegen, das wie die Philippinen während des Kalten Krieges immer ein enger Verbündeter der Vereinigten Staaten war, ist in den vergangenen Jahren näher an China herangerückt. Ebenso Malaysia. Indien wird immer besorgter wegen der chinesischen Überlegenheit und verstärkt die früher spärlichen und misstrauischen Beziehungen zu den USA: ein Pluspunkt für Washington. Dafür ist das transpazifische Handelsabkommen TPP, mit dem Präsident Obama die amerikanische Stellung in Asien festigen wollte, in den Strudel der Globalisierungskritik geraten: Vorteil China.

Das asiatische Großmachtsdrama bietet mehr Spannung, als man für eine friedliche globale Zukunft brauchen kann. Mit dem philippinischen China-Experiment ist es noch ein bisschen gefährlicher geworden.