Landauf und landab luthert es in diesen Tagen. Für die evangelische Kirche, sonst gebeutelt von steigenden Austrittszahlen, scheint das Reformationsjubiläum mit einem gelungenen medialen Reckaufschwung zu beginnen. Das Zugeständnis des Staates an die evangelische Kirche, den Reformationstag 2017 zu einem bundesweiten Feiertag zu erklären, wurde von beiden Seiten mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit goutiert. Und das, obwohl die Verfassung eine strikte Trennung von Kirche und Staat festschreibt. Als wären sie "ein Herz und ein Sparkassenbuch", weckte dieser Schulterschluss beim EKD-Vorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm neue Begehrlichkeiten.

Er wünscht sich zunächst eine Revitalisierung des Buß- und Bettages, der 1995 der Pflegeversicherung geopfert worden war – jeder nicht arbeitsfreie Feiertag schenkt dem Staat nämlich Steuermillionen. Darüber hinaus würde er den Reformationstag als freien Tag bundesweit gern auf Dauer etablieren.

Mit welchem Recht? Weil Luther uns die deutsche Sprache in sein Deutsch brachte? Weil er ein begnadeter Kirchenlehrer war? Das war Augustinus auch, an dem sich der Augustinermönch Martin Luther schulte. Trotzdem hat noch niemand gefordert, dessen Namenstag, den 28. August, zum bundesweiten Feiertag zu erklären.

Wenn die Wirtschaft nicht noch einen ökonomischen und die katholische Kirche einen ökumenischen Einwand vorbringt, könnte der Staat den protestantischen Wünsche Folge leisten. Damit verschreibt er sich aber einer protestantischen Ethik, wie sie seit Preußens Glanz und Gloria in dieser Symbiose nicht mehr gegeben war.

Hat der Staat das nötig? Haben humanistische, sozialistische und neoliberale Staatstheorie derartig abgewirtschaftet, dass der Staat nun einen ethischen Leasingvertrag mit der evangelischen Kirche abschließt?

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Ein Staat ist nichts als ein formales Konstrukt, von dem selbst keine Werte ausgehen. Er wird von Menschen geformt, die im Parlament sitzen und Ministerämter bekleiden. Es ist kein Zufall, dass mit der Regierungsverlagerung von Bonn nach Berlin auch die Konfession wechselte: Die Bonner Republik wurde von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl rheinisch-katholisch regiert, das bajuwarische Schwergewicht Franz Josef Strauß lieferte den Barock dazu. Die katholische Kirche genoss in der Bundesrepublik ein hohes Ansehen und wusste ihre Machtinteressen geschickt zu wahren. Sie machte sich aber nicht mit dem Staat gemein. Deswegen ist es bis heute weder denkbar noch machbar, dass ein katholischer Bischof oder gar ein Kardinal ein politisches Staatsamt übernimmt.

Kardinal Reinhard Marx als Bundespräsidenten vorzuschlagen gilt als abwegig. Aber niemanden wundert es, wenn unter den gehandelten Kandidatinnen und Kandidaten gleich zwei evangelische Bischöfe im Gespräch waren: Margot Käßmann und Wolfgang Huber. Beide auch noch vorgeschlagen von dem SPD-Politiker Sigmar Gabriel, dem eine Sozialdemokratie ohne Kirche nach dem Ende linker Utopien offensichtlich nicht mehr realistisch erscheint. Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau, der wegen seines pastoralen Tons "Bruder Johannes" genannt wurde, der linksliberale Protestant Gustav Heinemann, der evangelische Christ Richard von Weizsäcker – sie alle prägten das Amt des ersten Mannes im Staate mit ihrem protestantischen Ethos. An ihm scheiterte der Katholik Wulff, weil er die Käßmannsche Vorwärtsverteidigung, sofort zurückzutreten, nicht kopierte. Er klammerte sich lieber an seinen Sessel, um später vom Rostocker Pastor Joachim Gauck ersetzt zu werden. Der für das Amt gerade aktuell gehandelte Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist ebenfalls ein engagierter Christ, der den Ökumenepreis erhielt. Ein Ritterschlag für solch ein hohes Amt. Mit der Pfarrerstochter Angela Merkel zusammen wäre das protestantische Sittengemälde damit vollkommen.

Die Utopie eines Staates, der sich von Rentenreform zu Gesundheitsreform, von Bildungsreform zu Steuerreform hangelt, mag seine Betriebserlaubnis aus dem Geiste der Reformation herleiten. Das klingt naheliegend. Der protestantische Ethos versorgt den Staat mit Werten, in einer utopielosen Gesellschaft, in der der bürgerliche Common Sense zunehmend von Spaltung bedroht wird. Der Flüchtlingszulauf hat die Menschen überfordert, die Gesellschaft driftet auseinander, die Basis polarisiert sich, der Staat hat bei vielen seinen Kredit verspielt. Die Politik- und Medienverdrossenheit steigt. Die Kirchen sollen nun als vermittelnde Instanz den Laden zusammenhalten.

Das Problem dabei: Auch die Protestanten sind inzwischen eine religiöse Minderheit, gemessen an der Zahl jener, die sich hierzulande keiner Religion zugehörig fühlen. Bekommt Heinrich Bedford-Strohm nun seinen bundesweiten Reformationsfeiertag über das nächste Jahr hinaus, dürften andere religiöse Minderheiten Ansprüche anmelden.

Überdies weckten alle Luther-Gedenktage zwischen 1813 und 1943 in ihrem nationalen Überschwang genau jene Teufel, die der Reformator bannen wollte. Ob Kaiser oder Führer, die Protestanten verfassten Ergebenheitsadressen wie einst Luther seinem Landesfürsten. Nun scheint der Staat sich vor dem Protestantismus zu verneigen – mal andersherum. Und das mit ungewissem Ausgang.